Stell Dir vor es ist Sanremo und keinen interessiert es: Italien ist sozial, wirtschaftlich und politisch so tief abgerutscht wie vielleicht noch nie in seiner 150-jährigen Geschichte: Eine Million Frauen demonstrieren in ganz Italien am Wochenende gegen das chauvinistische Frauenbild Berlusconis und der Seinigen und er beschimpft daraufhin die Frauen, als “von der Linken geschickt” (Was für eine Linke???), unkontrollierte Einwandererströme überfordern die italienischen Behörden und der rechtspopulistische Innenminister schlägt einfach mal so vor mit der italienischen Polizei in einem souveränen Land (Tunesien hat dies gerade vor ein paar Wochen eindrucksvoll bewiesen, oder?) “aufpassen” zu können, die Presse ist seit Wochen voller Enthüllungen über Berlusconis Affären, Sexpartys und Rechtsbeugungen, das Parlament ist seit Wochen wie paralysiert – an politische Arbeit ist nicht zu denken, in der Hauptstadt sterben Roma-Kinder und der römische Bürgermeister beschimpft lieber die Eltern und weigert sich, den Familien Sozialwohnungen zuzuweisen, weil sonst Roma aus ganz Europa in seine ‘gastfreundliche’ Stadt kämen, der Staatspräsident eiert zwischen leiser Kritik, einer auseinanderbrechenden Republik und den permanenten unterschwelligen Anfeindungen Berlusconis hin und her ohne wirklich Stärke beweisen zu können – die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen.
Und das Festival della Canzone Italiana di Sanremo? In der “autonomen Repubik Sanremo” (so die Repubblica heute) bereitet man sich auf viel prunkvolle, glamouröse Abende vor, mit viel guter Laune, fröhlichen Liedern, schönen Frauen, witzigen Männern, ein paar pathetischen Mitleidsbekundungen und ganz viel Banalität mit einer Schuss Patriotismus. Doch die Nachrichten aus Sanremo sind ganz unten auf den Startseiten der italienischen Gazzetten, ganz hinten in den Zeitungen. Sanremo 2011? Schon in guten Zeiten ist die Relevanz des Festivals mit einer musikalisch-kulturellen Halbwertszeit von fünf Tagen fragwürdig und lebt seit Jahren nur noch vom Mythos und vom more of the same, einer Attitüde, die in einem so konservativem Land wie in Iralien immer zieht. aber heuer ist Sanremo so überflüssig wie ein Kropf und so anachronistisch wie … wie unsere Regierung. Italien braucht keine Woche der seichten Zerstreuung, das Rezept, was sonst die Italiener immer wieder auf sich und so etwas wie eine gemeinsame populäre Kultur einschwören konnte, wird dieses Mal nicht ausreichen. Wenn am Samstag der Siegertitel gekürt wird, spätestens dann, werden alle Probleme wieder auf Italien und die ratlosen, orientierungslosen Italiener einstürzen. Und ich bezweifle sogar, dass es dem Festival dieses Mal gelingt, die Schlagzeilen und Diskussionen (wie sonst) zu beherrschen.
Es sind nicht die endlosen Frauengeschichten, die mich zur Weißglut bringen, sondern die Unverfrorenheit, mit der Berlusconi seine Macht erhält und seine privaten Interessen durchsetzt, egal ob es um Medienpräsenz, Politik, Frauen oder Justiz geht. Berlusconi hat in Italien gar nichts verändert, obwohl er sich ständig selbst lobt, obwohl er vor laufenden Kameras seine Erfolge bei allen möglichen größenwahnsinnigen Projekten bestätigt.
Nach langem Schweigen in diesem Blog, auch weil es mich wirklich ankotzt nur noch über die Skandale, Skandälchen und Unverschämtheiten von Silvio Berlusconi und seiner Lakaien zu schreiben, möchte ich euch aber folgenden Song von (Tiziano) Toniutti zum aktuellen Berlusconi-Skandal (Stichwort: “Ruby und BungaBunga”; die Einzelheiten spare ich mir, sie stehen ja eh in jeder Zeitung) nicht vorenthalten.
Der Text setzt sich hauptsächlich aus Schlagzeilen der letzten Tage zum Skandal zusammen. Genial gemacht. Und so zusammengefasst einfach widerlich. Ich denke, mit dem Video werden auch nicht Italophilen ein paar Details der Titel klar, das meiste sind eh Wortspiele, die sich nicht so ohne weiteres übersetzen lassen.
Eigentlich hätte ich in den letzten Tagen vieles schreiben können, gewiss nicht nur zum Abschneiden der italienischen oder deutschen Fußballnationalmannschaft, sondern vor allem zu den Ereignissen in der italienischen Politik. Aber ich muss gestehen, irgendwann hat man auch mal die Nase voll immer über denselben Zirkus zu schreiben. Den Rest des Eintrages lesen »
Kaum hat er es gesagt, schon nimmt Umberto Bossi es wieder zurück. Gestern hatte seine Bemerkung, dass Italien gewiss das Spiel gegen die Slowakei kaufen werde (italia-blog.deberichtete), für Aufregung und Empörung gesorgt. Wenig später kam dann der Rückzieher:
»Das war doch nur ein Scherz den ich gemacht habe, als ich mit meinen Leuten einen getrunken habe. Da schau mal einer an, was daraus geworden ist!« und weiter »Ich habe mich bei der Nationalmannschaft entschuldigt. Es wird so enden, dass die Azzurri Weltmeister werden und ich sie beglückwünschen werde (…) Eine Sache ist mir klar geworden, auch wenn ich sie eigentlich schon wusste: Ein altes Sprichwort sagt: “Mach Witze über die Mächtigen aber rühre die Heiligen nicht an”. Jetzt die Nationalmannschaft anzugreifen ist wie ein Witz über einen Heiligen zu machen.«
Nicht nur Deutschland fiebert in diesen Tagen der Entscheidung über ein mögliches Weiterkommen ins Achtelfinale der Fußball-WM in Südafrika entgegen, auch in Italien wartet alles gespannt auf das Entscheidungsspiel gegen die Slowakei (Do., 24.6., 16 Uhr, live auf ZDF, ORF 1 und SF info). Ganz Italien? Nicht ganz! Im Norden Italiens polemisiert die separatistische rechtspopulistische Lega Nord seit Beginn der WM gegen die Squadra Azzurra, sportliches Aushängeschild einer für sie verhassten Nation.
So feuert der Radiosender der Partei Radio Padania bei den Spielen die Gegner Italiens an und feiert jedes Tor frenetisch (italia-blog.deberichtete), was für Unmut und Unverständnis bei den Spielern und Verantwortlichen führte, was allerdings auch schon Teil der italienischen Realität geworden ist: Es ist nicht das erste Mal, dass sie Organe der Lega Nord abfällig über die Symbole der Republik (Fahne, Hauptstadt) oder über deren Nationalteams äußern.
Nun hat der Vorsitzende der Lega Nord in einem Interview, in dem er nach einer Prognose zum Spiel gegen die Slowakei sich den nächsten Ausfall geleistet:
»Das Spiel werden sie bestimmt kaufen: Ihr werdet sehen, dass in der nächsten Meisterschaft zwei oder drei slowakische Spieler in italienischen Mannschaften spielen werden«.
Der italienische Fußballverband reagierte umgehend mit einer kurzen Erklärung zu Bossis befremdlicher und beleidigender Unterstellung: »Dieses Mal ist der Senator Bossi übers Ziel hinausgeschossen.«
In Italien ist die Schlammschlacht nach dem tätlichen Angriff auf den Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in vollem Gang. Der Fraktionsvorsitzender des Popolo della Libertà Fabrizio Cicchitto spricht von einem »Netzwerk des Hasses« und einer »Hasskampagne, angestiftet von der Espresso-Repubblica-Verlagsgruppe«. Parlamentspräsident (und Parteifreund) Gianfranco Fini hat diese Äußerung als geradezu »brandstiftend« verurteilt. Dafür hagelte es nicht wenig Kritik von seinen Parteifreunden und dem Koalitionspartner Lega Nord.
Cicchitto führte weiter aus, dass neben diesem Netzwerk des Hasses vor allem Antonio Di Pietro (Italia dei Valori) und Teile des Partito Democratico die Situation offenbar ausnutzen wollten, um die »politische Auseinandersetzung in eine Art kalten Bürgerkrieg« verwandeln wollen.