Eigentlich hätte ich in den letzten Tagen vieles schreiben können, gewiss nicht nur zum Abschneiden der italienischen oder deutschen Fußballnationalmannschaft, sondern vor allem zu den Ereignissen in der italienischen Politik. Aber ich muss gestehen, irgendwann hat man auch mal die Nase voll immer über denselben Zirkus zu schreiben. Den Rest des Eintrages lesen »
Kaum hat er es gesagt, schon nimmt Umberto Bossi es wieder zurück. Gestern hatte seine Bemerkung, dass Italien gewiss das Spiel gegen die Slowakei kaufen werde (italia-blog.deberichtete), für Aufregung und Empörung gesorgt. Wenig später kam dann der Rückzieher:
»Das war doch nur ein Scherz den ich gemacht habe, als ich mit meinen Leuten einen getrunken habe. Da schau mal einer an, was daraus geworden ist!« und weiter »Ich habe mich bei der Nationalmannschaft entschuldigt. Es wird so enden, dass die Azzurri Weltmeister werden und ich sie beglückwünschen werde (…) Eine Sache ist mir klar geworden, auch wenn ich sie eigentlich schon wusste: Ein altes Sprichwort sagt: “Mach Witze über die Mächtigen aber rühre die Heiligen nicht an”. Jetzt die Nationalmannschaft anzugreifen ist wie ein Witz über einen Heiligen zu machen.«
Nicht nur Deutschland fiebert in diesen Tagen der Entscheidung über ein mögliches Weiterkommen ins Achtelfinale der Fußball-WM in Südafrika entgegen, auch in Italien wartet alles gespannt auf das Entscheidungsspiel gegen die Slowakei (Do., 24.6., 16 Uhr, live auf ZDF, ORF 1 und SF info). Ganz Italien? Nicht ganz! Im Norden Italiens polemisiert die separatistische rechtspopulistische Lega Nord seit Beginn der WM gegen die Squadra Azzurra, sportliches Aushängeschild einer für sie verhassten Nation.
So feuert der Radiosender der Partei Radio Padania bei den Spielen die Gegner Italiens an und feiert jedes Tor frenetisch (italia-blog.deberichtete), was für Unmut und Unverständnis bei den Spielern und Verantwortlichen führte, was allerdings auch schon Teil der italienischen Realität geworden ist: Es ist nicht das erste Mal, dass sie Organe der Lega Nord abfällig über die Symbole der Republik (Fahne, Hauptstadt) oder über deren Nationalteams äußern.
Nun hat der Vorsitzende der Lega Nord in einem Interview, in dem er nach einer Prognose zum Spiel gegen die Slowakei sich den nächsten Ausfall geleistet:
»Das Spiel werden sie bestimmt kaufen: Ihr werdet sehen, dass in der nächsten Meisterschaft zwei oder drei slowakische Spieler in italienischen Mannschaften spielen werden«.
Der italienische Fußballverband reagierte umgehend mit einer kurzen Erklärung zu Bossis befremdlicher und beleidigender Unterstellung: »Dieses Mal ist der Senator Bossi übers Ziel hinausgeschossen.«
In Italien ist die Schlammschlacht nach dem tätlichen Angriff auf den Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in vollem Gang. Der Fraktionsvorsitzender des Popolo della Libertà Fabrizio Cicchitto spricht von einem »Netzwerk des Hasses« und einer »Hasskampagne, angestiftet von der Espresso-Repubblica-Verlagsgruppe«. Parlamentspräsident (und Parteifreund) Gianfranco Fini hat diese Äußerung als geradezu »brandstiftend« verurteilt. Dafür hagelte es nicht wenig Kritik von seinen Parteifreunden und dem Koalitionspartner Lega Nord.
Cicchitto führte weiter aus, dass neben diesem Netzwerk des Hasses vor allem Antonio Di Pietro (Italia dei Valori) und Teile des Partito Democratico die Situation offenbar ausnutzen wollten, um die »politische Auseinandersetzung in eine Art kalten Bürgerkrieg« verwandeln wollen.
Offenbar ist Berlusconi unter seinen eigenen engen Weggefährten längst nicht so unumstritten, wie es nach außen scheint. Bei einer Podiumsdiskussion in Pescara sprach der Parlamentspräsident Gianfranco Fini (enger Parteifreund von Silvio Berlusconi und maßgeblicher Partner bei der Gründung der Partei Popolo della Libertà) mit einem befreundeten Justizbeamten frank und frei über Berlusconi: Was er nicht wusste, die Mikros waren angeschaltet, so dass das ganze private Gespräch im Mitschnitt hörbar wurde. Unter anderem sagt Fini:
»Der Mann (gemeint ist Berlusconi, um dem es während des ganzen Gespräches geht, Anm. d. Red.) verwechselt die Zustimmung des Volkes, die er offensichtlich hat und die ihn legitimiert zu regieren, mit einer Art von Immunität gegen über jeglichen Organen staatlicher Gewalt – Justiz, Rechnungshof, Kassationsgericht (entspricht in etwa dem deutschen Bundesgerichtshof, Anm. d. Red.), Staatsoberhaupt, Parlament – weil er ja vom Volk gewählt ist…«
und
»Er verwechselt die Staatsführung mit einer absolutistischen Monarchie.«
Das gesamte Video des Gesprächs mit italienischen Untertiteln:
Soziale Netzwerke gewinnen immer mehr an Bedeutung, wenn es um die spontane und undogmatische Auseinandersetzung mit aktuellen Themen geht. In Foren, auf Blogs, bei Twitter und auf Facebook (und vermutlich auch in zahlreichen anderen lokalen, nationalen und internationalen sozialen Netzwerken) organisiert sich immer öfter der Widerstand gegen die eingerostete Politik. Einen geradezu spektakulären Zulauf hat die auf Facebook von demokratischen Bloggern gegründete Initiative “No Berlusconi Day” (auch “No B-Day” oder “nbd”) die am 5. Dezember in ganz Italien und mittlerweile auch in zahlreichen Großstädten im Ausland (u.a. Amsterdam, Berlin, Buenos Aires, London, Madrid, Montreal, New York, Paris, San Francisco, Wien) Kundgebungen plant, bei denen der Rücktritt des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gefordert werden soll.
Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat in einem Interview mit dem populären italienischen Fernsehjournalisten Bruno Vespa klargestellt, dass er auch im Falle einer Verurteilung bei den schwebenden Verfahren nicht zurücktreten werde: »Noch habe ich Vertrauen darin, dass es gewissenhafte Justizbeamte gibt, die gewissenhafte Urteile aufgrund von Fakten fällen. Wenn es eine Verurteilung in Prozessen wie diesen geben sollte, dann stünden wir vor solch einer Verdrehung der Wahrheit, dass ich dies als Hauptmotivation empfinden würde, im Amt zu bleiben, um die Demokratie und den Rechtsstaat zu verteidigen«.
Bei einer Verurteilung wegen Korruption droht Silvio Berlusconi nicht nur eine empfindliche Geldstrafe, sondern gegebenenfalls auch mehrjährige Haft.