Dass das Verhältnis von Italienern und Deutschen von einer Menge Vorurteilen und Gemeinplätzen geprägt ist, weiß jeder, der sich in beiden Ländern halbwegs auskennt. An dieser Stelle einmal einfach nur aufzuzählen, was mir an Unwahrheiten und Unwissen über das jeweils andere Land einfällt, wäre eine ganze Artikelreihe wert. Gerade im Fußball ist die erbitterte Rivalität ein Dauerbrenner und mir schlägt, als in Deutschland lebenden Italiener, zu EM- und WM-Zeiten regelmäßig eine Welle des kaum verhohlenen Hasses und der Verachtung für meine Squadra Azzurra entgegen. Zu oft haben deutsche Fans miterlebt, wie Italien sie in entscheidenden Turnieren geschlagen hat, zu naheliegend war dann die Kritik der unfairen Methoden, zu denen Italien (aus Sicht der deutschen Fußballfans) dafür gegriffen hat. Das nervt ganz schön und macht mir wiederum unmöglich das deutsche Team objektiv zu sehen. Vielleicht bin ich über die Jahre etwas dünnhäutig geworden, wer weiß.
Der derzeit sehr erfolgreiche Trash-Song der deutschen Komiker/Musiker-Truppe “Die vier Sterne” (»Wer den Cup gewinnt, ist scheißegal, nur Italien nicht, Italien nicht!«), der rechtzeitig zur WM veröffentlicht wurde, bringt die Masse an Klischees auf den Punkt, die viele Deutschland-Fans hier regelmäßig über Italien kolportieren. Ich mag das hier jetzt wirklich nicht aufzählen – der Song ist ja bekannt, man kann ihn ja überall nachhören. Eine Fußball-WM ist kein Ort für differenzierte Betrachtungen, respektvollen Umgang mit dem Gegner oder für Fehlersuche im eigenen Lager, schon klar. Und Italien ist nun mal eines der erfolgreichsten Teams der Welt (ähnlich wie Deutschland und Brasilien) – und damit eines der meist gehassten (die deutsche Elf ist ja auch nicht gerade ein Ausbund an Beliebtheit und wird mit ähnlich unschmeichelhaften Etiketten belegt). Es ist halt viel leichter die Schuld auf andere abzuwälzen. Das ist bei den deutschen Fans nicht anders, als bei den italienischen, die sich selbstverständlich auch immer im Recht wähnen und die auch für sich beanspruchen, das beste und großartigste Team der Welt anzufeuern. Und Schuld hat eben nur der Gegner, der Schiedsrichter, das Wetter oder der Trainer, vielleicht der eine oder andere Spieler, aber niemals die Mannschaft per se.
Die Mailänder Tageszeitung berichtet in ihrer Web-Ausgabe über den phänomenalen Erfolg des wenig schmeichelhaften Clips im Web mit Milde und erstaunlicher Sachlichkeit. Der Corriere zitiert die Musiker, dass sie nicht die italienischen Fans beleidigen wollen, sondern nur auf lustige Art die italienische Mannschaft durch den Kakao ziehen wollen (sic!). Der Corriere berichtet auch über die mediale Schützenhilfe durch die Bild-Zeitung (»Nur im Internet ist Italien noch ein Hit«) und resümiert, dass die Spaßtruppe nach eigenen Angaben immer noch nicht die Halbfinalniederlage der WM 2006 verdaut hat. Dass diese nach Meinung der deutschen Fußballfans aufgrund unfairer Mittel zustande kam (die italienische Delegation hatte beim Sportgericht erfolgreich gegen den Einsatz von Torsten Frings geklagt, der im Viertelfinalspiele einen Argentinier im Handgemenge nach dem Spiel angegriffen haben soll) unterschlägt der Berichterstatter allerdings. Womit wir dann auf fast verborgene Art bei einem Gemeinplatz der Italiener gegenüber den Deutschen sind: Die Deutschen sind – am Ende – immer die (schlechten) Verlierer. Und so sieht jeder seine Klischees bestätigt.
Vielleicht wissen einige meiner Leser, dass ich mich beruflich mit Musik auseinandersetze, selbstverständlich nicht nur, aber auch mit italienischer Musik (nein, nicht nur wenn Sanremo ist – keine Sorge ). Heute bin ich über einen waschechten Cantautore aus Zürich gestolpert: Peer Seemann heißt der Signore und auf seinem zweiten Solo-Album »Partenza« erzählt er Geschichten aus zehn Orten, von der Nordsee bis zum Mittelmeer, eine Reise quer durch Europa. Aufgenommen wurde das Album in einem der Epizentren der italienischen Cantautori-Szene, in den Fonoprint Studios in Bologna, die niemand geringerem als Lucio Dalla gehören.
Auf seiner Homepage kann man ausführlich in alle Songs des Albums in voller Länge hineinhören, außerdem die Texte auf Italienisch und in deutscher Übersetzung mitlesen.
Ich habe nur kurz reingehört, kann euch aber jetzt schon garantieren: Peer Seemann ist nicht nur ein Kuriosum, sondern auch als Cantautore ein echter Geheimtipp, der seinen Kollegen mit italienischem Pass in nichts nachsteht. Seine Texte sind filigran, sein Gesang klar und deutlich, die Arrangements schlicht und melancholisch.
Das prestigeträchtige Musikblog Boing Boing hat in einem seiner letzten Artikel einen neuen Helden entdeckt: Adriano Celentano. Gegenstand der Betrachtung ist sein Song “Prisencolinensinainciusol” aus dem Jahre 1972, dessen Text ausschließlich in einer Art Pseudo-Englisch gesungen ist. Interessant ist, dass Celentano von den Kommentatoren des Blogartikels sogar als Vorläufer der Rapmusik (!) gepriesen wird. In der Tat ist die Nummer einer der allercoolsten Nummern des musikalischen Querkopfs und sehr funky; man beachte auch bitte die Choreographie.
Schade, dass Celentano in Deutschland vor allem wegen seiner unsäglichen und unsäglich synchronisierten Filme wahrgenommen wird (und bestenfalls als der Sänger von “Azzurro”). Celentanos Popmusik gehört zum ureigensten, was die italienische Musikszene zu bieten hat. Der Typ ist seit über 50 Jahren eine Institution in der italienischen Musik und hat zahlreichen Künstlern auf den Weg geholfen. Ohne Celentano wäre der Rock’n'Roll und alles, was danach kam nicht nach Italien gelangt.
Silvio Berlusconi ist heute Nachmittag nach einer ruhigen Nacht aus dem Krankenhaus entlassen worden. An Nase und Wange bandagiert, hat er seine Lust an der rhetorischen Selbstinszenierung offenbar nicht verloren: »Wenn sich nun der Ton ändert, sind meine Schmerzen nicht umsonst gewesen.«
Dass Silvio Berlusconi von einem offenbar geistig verwirrten Mann heute Abend in Mailand am Rande einer Parteiveranstaltung angegriffen wurde, ist selbst den Italien-scheuen deutschen Medien eine Schlagzeile wert. Berlusconi wurde von dem Mann mit einem harten Gegenstand, angeblich einer Miniaturausgabe des Mailänder Doms, angegriffen: Ein harter Schlag ins Gesicht und eine nicht zu übersehende Wunde an der Lippe haben den Ministerpräsidenten viel Blut gekostet. Der 42-jährige Täter soll bisher unbescholten gewesen sein, in letzter Zeit allerdings wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen sein. Welche Motive er für seine Tat hatte, sind unklar.
Derweil man in Italien heute auf das Urteil des Verfassungsgeichts über das Lodo Alfano (s. dazu Spektakuläre Anzeige in der Herald Tribune vom italienischen Oppositionspolitiker Di Pietro auf den Seiten meines ‘Hauptblogs’ uergsel.de) mit Spannung wartet, hat die englische Tageszeitung The Times einen scharfsinnigen und -züngigen Artikel verfasst, in dem sie die juristischen Bestrebungen Berlusconis, sich (bzw. die vier höchsten Ämter des Staates, also den Ministerpräsident, den Staatspräsident und die Präsidenten der beiden Kammern des italienischen Parlaments) über die italienische Gerichtsbarkeit zu stellen, mit Orwells wohl bekanntem Motto«All animals are equal, but some are more equal than others» aus George Orwells Animal Farm (zu Dt. Farm der Tiere) in Verbindung bringt. Das Pikante dabei: Berlusconis Anwälte selbst benutzten ganz ähnliche Formulierungen, um den umstrittenen Gesetzesentwurf zu rechtfertigen. Den Rest des Eintrages lesen »
Am Wochenende fand in Rom eine beeindruckende Massendemonstration für Pressefreiheit und gegen die allgegenwärtige Medienmacht Berlusconis statt. Die wichtige Massenveranstaltung des anderen Italiens fand in der deutschen Presse nur mäßigen Widerhall (anders als in der englischen, spanischen und französischen, wo große Artikel in allen führenden Tageszeitungen veröffentlicht wurden) , obwohl sie doch Ausdruck einer durchaus lebendigen Opposition in Italien ist (nur sitzt diese eben nicht unbedingt im Parlament bei den Schnarchnasen des Partito Democratico (PD), sondern in der Redaktionen der freien und unabhängigen Tageszeitungen). Den Rest des Eintrages lesen »