Kurz vor dem ersten der beiden Halbfinalspiel (Niederlande – Uruguay, morgen Deutschland – Spanien) sind die italienischen Fußballfans mehrheitlich davon überzeugt, dass die deutsche Nationalmannschaft die WM in Südafrika gewinnen wird. Bei einer → Online-Umfrage der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera sprachen sich fast 50%, (aktuell 46,7%) der Abstimmenden für einen Sieg der Mannschaft von Jogi Löw aus, der Elftal aus den Niederlanden trauen immerhin noch rund 30% der Italiener den Titel zu, abgeschlagenEuropameister Spanien (17%) und die Außenseiter Uruguay (6,4%).
Das Viertelfinalspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien hatte in Italien zu euphorischen Kritiken gehört. Man lobte den »schönsten Fußball der WM« und befand, dass der Trainer-Nobody Jogi Löw aus der Multikulti-Truppe die modellhafte »beste Mannschaft des Turniers« geformt hat, die kreativen und intelligenten Fußball auf der Höhe der Zeit spielt.
Was in den deutschen Zeitungen (bisher?) nur langsam auf den Titelseiten zu finden ist (Ausnahme: Lokalzeitungen aus dem Hannoveraner Raum) ist bei der Repubblica auf der ersten Seite gelandet: Nach einem Streit über die Zahl der Weltmeistertitel, die Italien im Fußball gewonnen hat (es sind vier: 1934, 1938, 1982 und 2006), wurden zwei italienische Einwanderer in Hannover von einem Deutschen erschossen. Der war nach dem Streit (er wollte die vier Titel nicht glauben) aus einem Lokal gerannt und war mit einer Waffe zurückgekehrt und tötete die beiden durch Schüsse aus kurzer Distanz. Die Polizei hat ein Foto des Täters veröffentlicht und die Fahndung eingeleitet.
Was mich am meisten an diesem Fall erschüttert ist freilich der Anlass. Schon seit der letzten WM habe ich selbst in meinem Freundeskreis beobachtet, dass Fußball ein Thema ist, das man als Italiener unter Deutschen besser nicht anspricht. Die deutschen Fußballfans fühlen sich immer noch um den Titel “betrogen” (Zur Erinnerung: Der Schlüsselspieler der dt. Nationalmannschaft Torsten Frings war fürs Halbfinale nach seiner eher misslungenen Box-Einlage gegen einen argentinischen Spieler im Viertelfinale gesperrt; der italienische Verband hatte die Tätlichkeit angezeigt und vor das Sportgericht gebracht) und reagieren sehr allergisch darauf, wenn man sie auf den Ausgang der WM anspricht. Dass Italien durch eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine gute taktische Ausrichtung und natürlich auch durch Glück Weltmeister geworden ist, will man nicht hören. Deutschland ist der “wahre Weltmeister” des sogenannten Sommermärchens, Italiens ist der böse Spielverderber. So wurde es auch von der Boulevard-Presse aufgebaut und gepflegt. Dazu wurden dann noch einmal alle Fälle aus der Vergangenheit in Erinnerung gerufen, wo Italien angeblich Deutschland beim Fußball “betrogen” hat. Der jüngst veröffentlichte Anti-Italien-Song ist nur eine geschmacklose Variante, wie aus der Rivalität der beiden größten europäischen Fußballnationen offene Feindschaft geworden ist, spätestens unter Alkoholeinfluss fallen da schnell Hemmungen weg.Natürlich wird nicht jeder gleich handgreiflich oder gar zum Mörder, aber die Stimmung zwischen Deutschen und Italienern ist während dieser WM spürbar schlechter geworden. Die Häme nach dem frühen (und verdienten) Aus der Italiener war schon überdurchschnittlich und es schwang wirklich mehr Verachtung darin, als angemessen gewesen wäre.
Mir macht das Sorgen. Italiener und Deutsche leben ja seit den 1960er Jahren relativ problemlos miteinander, die italienische Gemeinschaft gilt als gut integriert. Trotzdem keimen immer wieder Ressentiments und Anfeindungen auf beiden Seiten auf, die klar machen, dass es noch viel zu tun gibt zwischen Italienern und Deutschen. Ich würde mir wünschen, diese beiden tragischen Todesfälle (wegen Fußball!!!) wären ein guter Anlass, dass sich Deutsche und Italiener etwas mehr aufeinander zu bewegen, als nur auf kulinarischer Ebene. Deutschland und Italien sind zwei Völker, die viel mehr verbindet als nur die Leidenschaft für Autos und Fußball, für schöne Frauen und gutes Essen. Der Boulevard-Presse, die die Stimmung im Land nicht unwesentlich beeinflusst, kommt dabei (leider) eine Schlüsselrolle zu. Eine objektive Berichterstattung über Italien täte Not, ebenso wie eine klarere Differenzierung zwischen Klischees (Mafia, Pizza, Pasta, Berlusconi vs. Nazis, Würstchen, Bier , Pünktlichkeit und Blondinen) und der Wirklichkeit. Das ist nicht einfach und erfordert echtes Interesse – darum bleibe ich sehr skeptisch, ob sich überhaupt etwas ändern wird.
Ich will hier nicht “den Deutschen” den schwarzen Peter zuschieben. Ich bin sicher, ein in seiner “Nationalehre” gekränkter Italiener wäre zu einer ähnlichen Tat fähig gewesen. Es wäre ja anders herum nicht weniger schlimm. Aber es sollte uns allen zu denken geben.
Während ganz Deutschland dem heutigen Viertelfinalspiel gegen Argentinien entgegen fiebert, sehen die Italiener die WM nun mit Abstand und teile ihre Sympathien unter den verbleibenden Mannschaften auf (wobei Argentinien leicht im Vorteil ist, wohl auch, weil so viele italienische Auswanderer in Argentinien eine neue Heimat fanden). Für den Corriere della Sera scheint aber schon festzustehen: Deutschland gewinnt nach langem Kampf gegen Argentinien, so zumindest der Tenor eines Artikels der Online-Ausgabe (der vor einigen Tagen sogar auf der Startseite verlinkt war!), der mit “Die Krake hat “gesprochen”: Deutschland gewinnt” überschrieben ist.
Die Mailänder Zeitung stützt sich dabei auf »eine Quelle jenseits jeden Zweifels«, nämlich den Oktopus Paul aus dem Aquarium in Oberhausen, der bereits eine phänomenale Trefferquote bei 80% bei der EM 2008 mit seinen Voraussagen der deutschen Spiele erzielt hatte. Bei der WM hat er alle deutschen Spiele richtig vorhergesagt, sogar die Niederlage gegen Serbien.
Der Corriere stellt extra heraus, dass Paul zwar in Deutschland lebe und dort auch aufgewachsen sei, von Geburt an aber ein Engländer sei und deswegen (vermutlich) unparteiisch.
Dass das Verhältnis von Italienern und Deutschen von einer Menge Vorurteilen und Gemeinplätzen geprägt ist, weiß jeder, der sich in beiden Ländern halbwegs auskennt. An dieser Stelle einmal einfach nur aufzuzählen, was mir an Unwahrheiten und Unwissen über das jeweils andere Land einfällt, wäre eine ganze Artikelreihe wert. Gerade im Fußball ist die erbitterte Rivalität ein Dauerbrenner und mir schlägt, als in Deutschland lebenden Italiener, zu EM- und WM-Zeiten regelmäßig eine Welle des kaum verhohlenen Hasses und der Verachtung für meine Squadra Azzurra entgegen. Zu oft haben deutsche Fans miterlebt, wie Italien sie in entscheidenden Turnieren geschlagen hat, zu naheliegend war dann die Kritik der unfairen Methoden, zu denen Italien (aus Sicht der deutschen Fußballfans) dafür gegriffen hat. Das nervt ganz schön und macht mir wiederum unmöglich das deutsche Team objektiv zu sehen. Vielleicht bin ich über die Jahre etwas dünnhäutig geworden, wer weiß.
Der derzeit sehr erfolgreiche Trash-Song der deutschen Komiker/Musiker-Truppe “Die vier Sterne” (»Wer den Cup gewinnt, ist scheißegal, nur Italien nicht, Italien nicht!«), der rechtzeitig zur WM veröffentlicht wurde, bringt die Masse an Klischees auf den Punkt, die viele Deutschland-Fans hier regelmäßig über Italien kolportieren. Ich mag das hier jetzt wirklich nicht aufzählen – der Song ist ja bekannt, man kann ihn ja überall nachhören. Eine Fußball-WM ist kein Ort für differenzierte Betrachtungen, respektvollen Umgang mit dem Gegner oder für Fehlersuche im eigenen Lager, schon klar. Und Italien ist nun mal eines der erfolgreichsten Teams der Welt (ähnlich wie Deutschland und Brasilien) – und damit eines der meist gehassten (die deutsche Elf ist ja auch nicht gerade ein Ausbund an Beliebtheit und wird mit ähnlich unschmeichelhaften Etiketten belegt). Es ist halt viel leichter die Schuld auf andere abzuwälzen. Das ist bei den deutschen Fans nicht anders, als bei den italienischen, die sich selbstverständlich auch immer im Recht wähnen und die auch für sich beanspruchen, das beste und großartigste Team der Welt anzufeuern. Und Schuld hat eben nur der Gegner, der Schiedsrichter, das Wetter oder der Trainer, vielleicht der eine oder andere Spieler, aber niemals die Mannschaft per se.
Die Mailänder Tageszeitung berichtet in ihrer Web-Ausgabe über den phänomenalen Erfolg des wenig schmeichelhaften Clips im Web mit Milde und erstaunlicher Sachlichkeit. Der Corriere zitiert die Musiker, dass sie nicht die italienischen Fans beleidigen wollen, sondern nur auf lustige Art die italienische Mannschaft durch den Kakao ziehen wollen (sic!). Der Corriere berichtet auch über die mediale Schützenhilfe durch die Bild-Zeitung (»Nur im Internet ist Italien noch ein Hit«) und resümiert, dass die Spaßtruppe nach eigenen Angaben immer noch nicht die Halbfinalniederlage der WM 2006 verdaut hat. Dass diese nach Meinung der deutschen Fußballfans aufgrund unfairer Mittel zustande kam (die italienische Delegation hatte beim Sportgericht erfolgreich gegen den Einsatz von Torsten Frings geklagt, der im Viertelfinalspiele einen Argentinier im Handgemenge nach dem Spiel angegriffen haben soll) unterschlägt der Berichterstatter allerdings. Womit wir dann auf fast verborgene Art bei einem Gemeinplatz der Italiener gegenüber den Deutschen sind: Die Deutschen sind – am Ende – immer die (schlechten) Verlierer. Und so sieht jeder seine Klischees bestätigt.
Dass das legendäre Gefährt der DDR auch in Italien seine Fans hat, belegt ein Artikel in der Tageszeitung Corriere della Sera: «Die Initiative zum 20. Jahrestag des Mauerfalls: Der Trabant kehrt zurück, aber umweltfreundlich und elektrisch. Die neue Version des Symbol-Autos der DDR wird in Frankfurt (bei der IAA, Anm. d. Red.) vorgestellt». Das ehemalige «Symbol der schlimmsten Seite des Kommunismus», so zitiert der Corriere die althergebrachten Vorurteile über das Gefährt aus dem VEB Sachsenring, wird als Prototyp und mit überarbeitetem Look als “Trabant nT” von der Firma IndyKar vorgestellt. Diese wollen dort Investoren für eine Massenproduktion gewinnen. Den Rest des Eintrages lesen »
Unerwartete Wende beim Schumacher-Comeback: Wegen physischer Probleme (genauer gesagt, des Nackens) muss der siebenmalige Champion auf sein angepeiltes Comeback in der Formel 1 als Ersatzfahrer für den verletzten Felipe Massa verzichten. Schumacher schreibt auf seiner Homepage dazu:
«Ich habe absolut alles versucht, dieses Comeback auf Zeit möglich zu machen, aber zu meinem größten Bedauern klappt es nicht. Die Schmerzen im Nacken, die nach dem privaten F1-Tag in Mugello auftraten, haben wir leider nicht in den Griff bekommen (…) »
und abschließend
«Ich bin zutiefst enttäuscht. Mir tut es wahnsinnig leid für die Jungs bei Ferrari und alle die Fans, die mir die Daumen gedrückt haben. (…) Ich wäre gerne für Felipe eingesprungen. Jetzt bleibt mir nur, dem gesamten Team die Daumen für die nächsten Rennen zu drücken.»
Ein religiöser Sturm im Wasserglas, so könnte man die Quintessenz nennen, die die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera in seinem Artikel «L’inno insulta Maometto» (zu Dt.: Die Hymne beleidigt Mohammed) über den aktuellen Streit um die Vereinshymne von Schalke 04 zieht. In den türkischen Blättern wurde Anstoß an der Zeile im Vereinslied des Gelsenkirchener Fußballvereins genommen, in der es heißt:
Mohammed war ein Prophet,
Der vom Fußball spielen nichts versteht (…)
“Mangelnder Respekt von dem Propheten” wird den Schalkern medienwirksam vorgeworfen und der Zentralrat der Muslime in Deutschland setzt noch einen drauf, in dem er die angebliche Beleidigung in die Nähe der (rassistischen) Morde von Dresden stellt. Man habe Verständnis für die «Zornesröte im Gesicht» der Gläubigen «gerade nach dem schrecklichen Mordfall von Dresden». Wow, so gängelt man Deutsche am besten, immer gleich mit der Rassismus-Keule kommen. Den Rest des Eintrages lesen »