von Sandro Valecchi

Egli non è un giornalista. In der Diskussion steht die Veröffentlichung von “Seine Heiligkeit. Die Geheimdokumente von Papst Benedikt XVI”, als Autor erscheint Gianluigi Nuzzi, allerdings wirft sowohl er selbst – wie auch die Strukturen, die dahinter stehen, mehr Fragen auf, als es Nuzzi recht sein kann.

Wer ist eigentlich Gianluigi Nuzzi? Bereits bei dieser einfachen Anfrage nach dem Persönlichkeitsprofil von Nuzzi tauchen zahlreiche Ungereimtheiten auf: geboren in Mailand, 3. Juni 1969, bezeichnet er sich als „Journalist und Schriftsteller“; Nuzzi wurde jedoch erst am 29. Juli 1996 in den Journalistenverband der Lombardei eingetragen. Was hat Nuzzi in den übrigen fast 27 Jahren gemacht? Journalist war er jedenfalls nicht, zumindest kennt ihn niemand als Journalist.

Nuzzi erklärt, er arbeite heute als investigativer Reporter für die italienische Zeitschrift „Panorama“, davor war er für die Tageszeitungen „Corriere della Sera“ (Abendblatt) und „Il Giornale“ tätig. Allerdings lassen sich bis einschließlich heute nur 68 Beiträge in „Panorama“ aufrufen und viele echte Journalisten fragen sich natürlich, wovon dieser Mann eigentlich lebt. Ein durchschnittlicher Journalist verfasst wenigstens 365 publizierfähige Beiträge pro Jahr, um damit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Bleibt also die Frage, wovon Nuzzi lebt und wer Nuzzi bezahlt?

Gianluigi Nuzzi beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit 1994 mit „wichtigen Justizfällen“ in Italien, die mit dem Mafia-Verstrickungen der Politik und der Finanzwelt zu tun haben. Nuzzi befasste sich mit dem ehemaligen Minister Vincenzo Visco, der ehemaligen Nummer eins der Finanzpolizei Roberto Speciale, das Abhören von Piero Fassino und John Consort – und „natürlich“ mit der Mafia.

Die Akte Fassino (2009) liest sich jedoch wie ein billiger „3-Groschen-Roman“, keine Tatsachenfeststellungen, sondern nur ein Aneinanderreihen vom Hören-Sagen und vielen selbst gestellten Fragen: „und wirklich?“ Hier ein Auszug von Nuzzi:

»È vero, lo ammetto, mi sarei sorpreso sotto i colpi di flash all’imbrunire della sera. Allora che fare? Come identificare l’ignaro e ignoto uomo al mio tavolo? I pedinatori si fanno dare dalla polizia municipale della Stazione Centrale i filmati delle telecamere delle piazze antistanti per dargli un volto. Invano. Vanno da Giuseppe A., il portiere dell’albergo dove il mio amico era andato a riposare, non abitando a Milano. Ma anche qui non ne cavano niente. Nemmeno dalla lista fotocopiata del registro delle presenze dell’hotel. Chi sarà? Solo dopo giorni di incroci tra tabulati e quant’altro scopriranno che il signore è un commercialista di Bologna. E allora? Si potrà cenare con un professionista che fa il consulente delle procure di Parma e Palermo?«

Das Thema Mafia “Metastasen – Blut, Geld und Politik zwischen Nord und Süd – Die neue ‘Ndrangheta” geriet aber zum Flop, vom angeblichen Geständnis eines reuigen Kriminellen wollte keiner etwas wissen, nicht einmal in Deutschland, wollte Nuzzi doch gerne an Duisburg, August 2007, anknüpfen: „Sechs Leichen liegen vor dem Restaurant Da Bruno und eines wird klar die kalabrische Mafia-Organisation ‘Ndrangheta ist in Deutschland bestens etabliert. Sie wäscht Geld in der netten Pizzeria nebenan, versteckt Killer, handelt mit Waffen und Drogen, fälscht Papiere und kassiert Schutzgeld.“ Kein investigativer Journalismus, sondern einfach zusammengestellte Sensationsgeschichten vom Hören-Sagen (Justiz-Mitarbeiter Giuseppe Di Bella).

Was fehlt? Silvio Berlusconi, der wirklich etwas für investigative Journalisten anzubieten hat:

Akte Berlusconi: Verurteilungen mit anschließender Amnestie

Meineid im Fall Propaganda Due: Berlusconis Name wurde 1981 bei einer Hausdurchsuchung bei dem Leiter der Loge, Licio Gelli, auf der Mitgliederliste gefunden. Seine Mitgliedsnummer war 1816 und sein Grad der eines Lehrlings. Berlusconi hatte zuvor die Mitgliedschaft abgestritten und wurde deswegen 1990 wegen Meineides verurteilt, profitierte jedoch von einer Amnestie des Parlaments.

Bilanzfälschung im Fall Villa di Macherio: Es geht um den Kauf von Grundstücken rund um eine von Berlusconis Villen.

Akte Berlusconi: Freisprüche wegen Verjährung

Drei Schmiergeldzahlungen an die Finanzpolizei: Das Delikt verjährt deswegen, weil das Berufungsgericht „mildernde Umstände“ attestiert; Bilanzfälschung im Fall Lentini: Beim Kauf eines Fußballspielers wurde mehr Geld gezahlt als offiziell angegeben; Richterbestechung im Fall Lodo Mondadori: Das Berufungsgericht stuft den Fall als „einfache Korruption“ und nicht als „Korruption in Gerichtsverfahren“ ein, deswegen ist der Fall verjährt. Richterbestechung im Fall Sme-Ariosto 1: Es geht um den Kauf und Verkauf des staatlichen Lebensmittelkonzerns Sme; Schmiergeldzahlung an den ehemaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi.

Akte Berlusconi: Freisprüche aus Mangel an Beweisen

Schmiergeldzahlung an die Finanzpolizei; Bilanzfälschung beim Kauf des Unternehmens Medusa Cinematografica; Richterbestechung im Fall Sme-Ariosto 1; Bilanzfälschung im Fall Sme-Ariosto 2;

Akte Berlusconi: Anklagen, die inzwischen keinen Tatbestand mehr darstellen

Bilanzfälschung im Fall All Iberian: Ein von der Regierung Berlusconi II erlassenes Gesetz beendete den Prozess.

Akte Berlusconi: Freisprüche

Illegale Aneignung, Steuerbetrug und Bilanzfälschung im Fall Villa Macherio: Es geht um den Kauf von Grundstücken rund um eine von Berlusconis Villen. Richterbestechung im Fall Sme-Ariosto 1.

Akte Berlusconi: Archivierte Untersuchungen

Drogenhandel: Die Finanzpolizei hörte eine Zeit lang die Telefonleitungen Berlusconis ab, ohne irgendetwas Verdächtiges in Erfahrung zu bringen. Preisabsprachen RAI-Fininvest: Berlusconi wurde angeklagt, als Ministerpräsident Preisabsprachen bei der Fernsehwerbung zwischen der staatlichen Anstalt RAI und seinem Konzern Fininvest vorangetrieben zu haben. Schmiergeldzahlung an Beamte im Finanzministerium: Berlusconi soll Schmiergelder gezahlt haben, um eine Steuersenkung auf Bezahlfernsehen zu erreichen und Rückzahlungen zu erhalten.

Mafia-Anschläge 1992–1994: Berlusconi wird verdächtigt, Auftraggeber mehrerer Attentate zwischen 1992 und 1994 gewesen zu sein. Die Untersuchungen stützen sich dabei auf mehrere Aussagen von festgenommenen oder übergelaufenen Mafiosi. Verdacht auf äußere Mitwirkung an einer mafiaartigen Vereinigung und Geldwäsche in Palermo. Bilanzfälschung der Fininvest von 1988 bis 1992. Bilanzfälschung der konsolidierten Fininvest.

Akte Berlusconi: Laufende Verfahren

Missachtung des Anti-Trust-Gesetzes in Spanien und Steuerbetrug durch das Berlusconi-Unternehmen Telecinco: Das Verfahren wird aufgeschoben, um die Beziehungen zwischen Italien und Spanien nicht zu belasten. Schmiergeldzahlungen an David Mills. Ein Gesetzesentwurf soll die Verhandlungen für ein Jahr aussetzen, so dass der Fall verjährt wäre. TV-Rechte, Bilanzfälschung, Steuerbetrug, Veruntreuung.

Ein reuiger Mafioso (“Pentito” = Kronzeuge), Gaspare Spatuzza, beschuldigte Berlusconi vor Gericht, während des Untergangs des alten Parteiensystems anfangs der 1990er Jahre der sizilianischen Mafia mit seiner noch jungen Partei Forza Italia ein neues Bezugssystem zur Politik geboten zu haben. Er habe dabei sogar eine Mordanschlags-Serie zur Destabilisierung des alten Systems ausdrücklich gutgeheißen. Im Gegenzug sei ihm die Mafia beim Aufbau seines Wirtschafts-Imperiums behilflich gewesen. Berlusconi bestreitet diese Vorwürfe.

Und natürlich die Ruby-Affäre: Amtsmissbrauch und Förderung der Prostitution Minderjähriger.

Demnach scheint Nuzzi der einzige Journalist in Italien zu sein, der sich nicht für Berlusconi interessiert. Sogar Milde erfährt Silvio Berlusconi, der als “Opfer der politischen Justiz” dargestellt wird. Erst nachdem “Rubygate” mit Details von Sex-Partys eskaliert, sei Berlusconi an den Vatikan herangetreten: „Ich spende 10.000 Euro für die wohltätigen Zwecke des Heiligen Vaters und ersuche um eine Audienz“, bittet demnach angeblich Silvio-Getreuer und Fernsehjournalist Bruno Vespa “Don Giorgio” Georg Gänswein, den Sekretär des Papstes – noch zu Weihnachten 2010.

Nuzzi gelangt im Jahr 2008 der Durchbruch: “Vatikan SpA”

Im Frühjahr 2008 erhielt er Zugang zum Geheimarchiv Monsignor Dardozzis, dem ehemaligen Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Viertausend geheime Dokumente des Heiligen Stuhls Briefe, vertrauliche Mitteilungen, Aktennotizen, Protokolle, Kontoauszüge und Buchungsbelege gewähren einen Blick hinter die Kulissen des vatikanischen Finanzsystems. Obwohl sein daraus entstandenes Enthüllungsbuch “Vatikan AG” mit über 250.000 Exemplaren in 2009 das meist verkauften Sachbuch Italiens war, fand es in den Medien kaum Beachtung.

Jetzt erschien das Buch “Sua Santitá” (Seine Heiligkeit). Sein Buch sei gar kein Anti-Papst-Buch, im Gegenteil, sagt Nuzzi gegenüber dem Magazin DER SPIEGEL, er halte den Papst für revolutionär, weil er Transparenz in die Geschäfte der Vatikanbank bringen wolle und weil er den Kindesmissbrauch bekämpfe wie keiner seiner Amtsvorgänger. Eigentlich, so behauptet er jedenfalls, möchte Nuzzi den Papst durch seine Veröffentlichung in Schutz nehmen.

Ist Nuzzi ein Journalist? „Der Kollege heißt Gianluigi Nuzzi“, lobt zumindest das Magazin DER SPIEGEL. Für den Vatikan ist er offensichtlich der eigentliche Verbrecher in dieser Affäre, ein bekannter und investigativer Journalist, der in einem früheren Buch bereits Korruption und Geldwäsche in der Vatikanbank aufgedeckt hat, so DER SPIEGEL.

Wie kam Nuzzi an die Dokumente des Geheimarchivs von Monsignor Dardozzi? Dieser hatte sie in der Schweiz im Keller eines Bauernhofs versteckt, dessen Bewohner gar nicht wussten, was da lagerte. Es waren zwei große Hartschalen-Koffer voll. Nuzzi habe sie unter Begleitschutz eines Bodyguards abgeholt und nach Italien gebracht – das ist ja nicht ungefährlich, so Nuzzi. Dann habe er sie eingescannt und eineinhalb Jahre am Buch gearbeitet. 2007 seien die Testamentsvollstrecker von Renato Dardozzi auf ihn, Nuzzi, zugegangen und hätten ihn gebeten, die Veröffentlichung durchzuführen. Ob Geld hierbei geflossen ist, erklärt Nuzzi nicht.

Ob bei “Sua Santitá” Geld für Informanten und Informationen geflossen ist, kann Nuzzi ebenfalls nicht erklären. Die Spekulationen handeln oft von Machtkämpfen zwischen italienischen Kirchenfürsten, die ihre Kandidaten für die nächste Papstwahl in Stellung bringen wollten. Oder von einer Verschwörung gegen die Nummer zwei im Vatikan, gegen Bertone, den Vertrauten des Papstes, der vielen zu eigenmächtig ist. Anhänger dieser Theorie weisen darauf hin, dass es im Gefolge des Missbrauchsskandals schon einmal eine Zeit gegeben habe, in der sogar Kirchenmänner die Absetzung Bertones gefordert hatten.

„Alles, was mit dem Vatikan zu tun hat, ist in Italien eine Staatsaffäre“, erklärt Nuzzi. Sein Buch offenbart die Finanz- und Außenpolitik des kleinen, aber immens mächtigen Kirchenstaates. Das Problem: alle Veröffentlichungen betreffen Vorgänge aus der Vergangenheit, den Zeitraum vor Benedikt XVI, der aus Deutschland stammt. An die mächtigen Amtsvorgänger traut sich Nuzzi nicht heran. In Wahrheit aber schadet er Benedikt XVI, weil die Dokumente vor allem eines aufzeigen sollen: die Führungsschwäche des aktuellen Amtsinhabers Benedikt XVI.

„Italien solle von einer parlamentarischen zu einer präsidialen Republik werden“, wünscht sich mit einem Vermögen von 7,8 Milliarden US-Dollar einer reichsten Italiener, Silvio Berlusconi und ließ unmissverständlich folgendes verlauten:

»Nel ’94 scesi in campo perché gli eredi dei comunisti stavano per prendere il potere dopo aver scardinato la democrazia con l’uso politico della giustizia.«

„1994 begann ich mich zu engagieren, da die Erben des Kommunismus im Begriff waren, die Macht zu übernehmen, nachdem sie die Demokratie durch die politische Instrumentalisierung der Justiz aus den Angeln gehoben hatten.“

Gerne möchte ich Nuzzi zitieren: „Das Erschütterndste war es, das zu sehen!

Sandro Valecchi, Analyst, 10555 Berlin© Sandro Valecchi, Analyst, 10555 Berlin

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