Was in den deutschen Zeitungen (bisher?) nur langsam auf den Titelseiten zu finden ist (Ausnahme: Lokalzeitungen aus dem Hannoveraner Raum) ist bei der Repubblica auf der ersten Seite gelandet: Nach einem Streit über die Zahl der Weltmeistertitel, die Italien im Fußball gewonnen hat (es sind vier: 1934, 1938, 1982 und 2006), wurden zwei italienische Einwanderer in Hannover von einem Deutschen erschossen. Der war nach dem Streit (er wollte die vier Titel nicht glauben) aus einem Lokal gerannt und war mit einer Waffe zurückgekehrt und tötete die beiden durch Schüsse aus kurzer Distanz. Die Polizei hat ein Foto des Täters veröffentlicht und die Fahndung eingeleitet.

Was mich am meisten an diesem Fall erschüttert ist freilich der Anlass. Schon seit der letzten WM habe ich selbst in meinem Freundeskreis beobachtet, dass Fußball ein Thema ist, das man als Italiener unter Deutschen besser nicht anspricht. Die deutschen Fußballfans fühlen sich immer noch um den Titel “betrogen” (Zur Erinnerung: Der Schlüsselspieler der dt. Nationalmannschaft Torsten Frings war fürs Halbfinale nach seiner eher misslungenen Box-Einlage gegen einen argentinischen Spieler im Viertelfinale gesperrt; der italienische Verband hatte die Tätlichkeit angezeigt und vor das Sportgericht gebracht) und reagieren sehr allergisch darauf, wenn man sie auf den Ausgang der WM anspricht. Dass Italien durch eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine gute taktische Ausrichtung und natürlich auch durch Glück Weltmeister geworden ist, will man nicht hören. Deutschland ist der “wahre Weltmeister” des sogenannten Sommermärchens, Italiens ist der böse Spielverderber. So wurde es auch von der Boulevard-Presse aufgebaut und gepflegt. Dazu wurden dann noch einmal alle Fälle aus der Vergangenheit in Erinnerung gerufen, wo Italien angeblich Deutschland beim Fußball “betrogen” hat. Der jüngst veröffentlichte Anti-Italien-Song ist nur eine geschmacklose Variante, wie aus der Rivalität der beiden größten europäischen Fußballnationen offene Feindschaft geworden ist, spätestens unter Alkoholeinfluss fallen da schnell Hemmungen weg.Natürlich wird nicht jeder gleich handgreiflich oder gar zum Mörder, aber die Stimmung zwischen Deutschen und Italienern ist während dieser WM spürbar schlechter geworden. Die Häme nach dem frühen (und verdienten) Aus der Italiener war schon überdurchschnittlich und es schwang wirklich mehr Verachtung darin, als angemessen gewesen wäre.

Mir macht das Sorgen. Italiener und Deutsche leben ja seit den 1960er Jahren relativ problemlos miteinander, die italienische Gemeinschaft gilt als gut integriert. Trotzdem keimen immer wieder Ressentiments und Anfeindungen auf beiden Seiten auf, die klar machen, dass es noch viel zu tun gibt zwischen Italienern und Deutschen. Ich würde mir wünschen, diese beiden tragischen Todesfälle (wegen Fußball!!!) wären ein guter Anlass, dass sich Deutsche und Italiener etwas mehr aufeinander zu bewegen, als nur auf kulinarischer Ebene. Deutschland und Italien sind zwei Völker, die viel mehr verbindet als nur die Leidenschaft für Autos und Fußball, für schöne Frauen und gutes Essen. Der Boulevard-Presse, die die Stimmung im Land nicht unwesentlich beeinflusst, kommt dabei (leider) eine Schlüsselrolle zu. Eine objektive Berichterstattung über Italien täte Not, ebenso wie eine klarere Differenzierung zwischen Klischees (Mafia, Pizza, Pasta, Berlusconi vs. Nazis, Würstchen, Bier , Pünktlichkeit und Blondinen) und der Wirklichkeit. Das ist nicht einfach und erfordert echtes Interesse – darum bleibe ich sehr skeptisch, ob sich überhaupt etwas ändern wird.

Ich will hier nicht “den Deutschen” den schwarzen Peter zuschieben. Ich bin sicher, ein in seiner “Nationalehre” gekränkter Italiener wäre zu einer ähnlichen Tat fähig gewesen. Es wäre ja anders herum nicht weniger schlimm. Aber es sollte uns allen zu denken geben.

Hannover, morto il secondo italiano – La polizia pubblica le foto del sospetto auf repubblica.it

Deutscher tötet in Hannover Italiener bei Streit um Fußball auf haz.de

Zweites Opfer gestorben auf ksta.de

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