Archiv für Juni 2010
Was soll ich sagen? Das Ausscheiden der italienischen Nationalmannschaft gestern (durch ein 2:3 gegen die Slowakei) nach der Vorrunde kam nicht wirklich unerwartet, wenn man die vorigen Spiele objektiv betrachtet hat. Ein so frühes Ausscheiden war schon einmal bei der WM 1974 in Deutschland geschehen, doch noch nie verließ die Squadra Azzurra eine WM sieglos als Gruppenletzter, so wie gestern.
Die linke Tageszeitung l’Únità bringt es mit ihrer Titelseite auf den Punkt: »Povera Italia« Armes Italien (s. rechts), dazu ein Bild von Berlusconi und Lippi. Eine gute Bildergalerie mit den Schlagzeilen wichtiger Tageszeitungen findet man → hier auf repubblica.it
Hier einige Schlagzeilen aus den italienischen Online-Ausgaben der Presse heute:
- »Mit Schande nach Hause« – gazzetta.it, Startseite
- »Gattuso: “Vor vier Jahren Ordensträger (›cavalieri del lavoro‹ – Anm. der Red.), nun…”
Buffon: “Wenn es einem in drei Spielen, zwei davon mit Neuseeland und der Slowakei,nicht gelingt zumindest eines zu gewinnen, ist es richtig nach Hause zu fahren. Aber das ist der Ausblick auf den italienischen Fußball.”
De Rossi: “Blamiert, wir werden es später erst richtig bemerken.”
Criscito: “Jeder hat Schuld.”
Zambrotta: “In der ersten Halbzeit Fehler gemacht.”
Pirlo: “Man hätte mehr machen können”« - gazzetta.it, Zusammenfassung von Spielerstimmen im WM-Teil
- »Lippi, Du hast Schuld« – tuttosport.com, Startseite
- »Alle nach Hause« – corrieredellosport.it, Starteseite
- »Blamage der italienischen Nationalmannschaft. Calderoli (Sonderminister für Vereinfachungen in der Gesetzgebung, Lega Nord – Anm. der Red.) wütet: “Die Ausländer töten den Nachwuchs”« – ilpadano.it, Startseite
- »Noch nie so schlecht: Italien kehrt nach Hause zurück – Lippi: “Es war meine Schuld, sie waren terrorisiert”« – repubblica.it, Startseite
- »Schande Italien. Raus aus der WM« – repubblica.it, Hauptartikel im WM-Special
- »Italien, Adieu WM – Lippi: “Meine Schuld”« – corriere.it, Startseite
- »Desaster Italien« – corriere.it, Überschrift im WM-Special
- »Südafrikanisches Versagen von Lippi – Das schwärzeste Zeugnis unseres Fußballs« – lastampa.it, Artikel
- »Die WM-Schlappe Italiens: Nach drei Spielen und ohne Sieg nach Hause« – ilmesssagero.it, Artikel im Sportteil
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Kaum hat er es gesagt, schon nimmt Umberto Bossi es wieder zurück. Gestern hatte seine Bemerkung, dass Italien gewiss das Spiel gegen die Slowakei kaufen werde (italia-blog.de berichtete), für Aufregung und Empörung gesorgt. Wenig später kam dann der Rückzieher:
»Das war doch nur ein Scherz den ich gemacht habe, als ich mit meinen Leuten einen getrunken habe. Da schau mal einer an, was daraus geworden ist!« und weiter »Ich habe mich bei der Nationalmannschaft entschuldigt. Es wird so enden, dass die Azzurri Weltmeister werden und ich sie beglückwünschen werde (…) Eine Sache ist mir klar geworden, auch wenn ich sie eigentlich schon wusste: Ein altes Sprichwort sagt: “Mach Witze über die Mächtigen aber rühre die Heiligen nicht an”. Jetzt die Nationalmannschaft anzugreifen ist wie ein Witz über einen Heiligen zu machen.«
→ Bossi: «Chiedo scusa alla nazionale» auf corriere.it
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 Umberto Bossi
Nicht nur Deutschland fiebert in diesen Tagen der Entscheidung über ein mögliches Weiterkommen ins Achtelfinale der Fußball-WM in Südafrika entgegen, auch in Italien wartet alles gespannt auf das Entscheidungsspiel gegen die Slowakei (Do., 24.6., 16 Uhr, live auf ZDF, ORF 1 und SF info). Ganz Italien? Nicht ganz! Im Norden Italiens polemisiert die separatistische rechtspopulistische Lega Nord seit Beginn der WM gegen die Squadra Azzurra, sportliches Aushängeschild einer für sie verhassten Nation.
So feuert der Radiosender der Partei Radio Padania bei den Spielen die Gegner Italiens an und feiert jedes Tor frenetisch (italia-blog.de berichtete), was für Unmut und Unverständnis bei den Spielern und Verantwortlichen führte, was allerdings auch schon Teil der italienischen Realität geworden ist: Es ist nicht das erste Mal, dass sie Organe der Lega Nord abfällig über die Symbole der Republik (Fahne, Hauptstadt) oder über deren Nationalteams äußern.
Nun hat der Vorsitzende der Lega Nord in einem Interview, in dem er nach einer Prognose zum Spiel gegen die Slowakei sich den nächsten Ausfall geleistet:
»Das Spiel werden sie bestimmt kaufen: Ihr werdet sehen, dass in der nächsten Meisterschaft zwei oder drei slowakische Spieler in italienischen Mannschaften spielen werden«.
Der italienische Fußballverband reagierte umgehend mit einer kurzen Erklärung zu Bossis befremdlicher und beleidigender Unterstellung: »Dieses Mal ist der Senator Bossi übers Ziel hinausgeschossen.«
→ Bossi: “L’Italia si compra la partita” – La Figc: “Stavolta ha passato il segno” auf repubblica.it
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Dass das Verhältnis von Italienern und Deutschen von einer Menge Vorurteilen und Gemeinplätzen geprägt ist, weiß jeder, der sich in beiden Ländern halbwegs auskennt. An dieser Stelle einmal einfach nur aufzuzählen, was mir an Unwahrheiten und Unwissen über das jeweils andere Land einfällt, wäre eine ganze Artikelreihe wert. Gerade im Fußball ist die erbitterte Rivalität ein Dauerbrenner und mir schlägt, als in Deutschland lebenden Italiener, zu EM- und WM-Zeiten regelmäßig eine Welle des kaum verhohlenen Hasses und der Verachtung für meine Squadra Azzurra entgegen. Zu oft haben deutsche Fans miterlebt, wie Italien sie in entscheidenden Turnieren geschlagen hat, zu naheliegend war dann die Kritik der unfairen Methoden, zu denen Italien (aus Sicht der deutschen Fußballfans) dafür gegriffen hat. Das nervt ganz schön und macht mir wiederum unmöglich das deutsche Team objektiv zu sehen. Vielleicht bin ich über die Jahre etwas dünnhäutig geworden, wer weiß.
Der derzeit sehr erfolgreiche Trash-Song der deutschen Komiker/Musiker-Truppe “Die vier Sterne” (»Wer den Cup gewinnt, ist scheißegal, nur Italien nicht, Italien nicht!«), der rechtzeitig zur WM veröffentlicht wurde, bringt die Masse an Klischees auf den Punkt, die viele Deutschland-Fans hier regelmäßig über Italien kolportieren. Ich mag das hier jetzt wirklich nicht aufzählen – der Song ist ja bekannt, man kann ihn ja überall nachhören. Eine Fußball-WM ist kein Ort für differenzierte Betrachtungen, respektvollen Umgang mit dem Gegner oder für Fehlersuche im eigenen Lager, schon klar. Und Italien ist nun mal eines der erfolgreichsten Teams der Welt (ähnlich wie Deutschland und Brasilien) – und damit eines der meist gehassten (die deutsche Elf ist ja auch nicht gerade ein Ausbund an Beliebtheit und wird mit ähnlich unschmeichelhaften Etiketten belegt). Es ist halt viel leichter die Schuld auf andere abzuwälzen. Das ist bei den deutschen Fans nicht anders, als bei den italienischen, die sich selbstverständlich auch immer im Recht wähnen und die auch für sich beanspruchen, das beste und großartigste Team der Welt anzufeuern. Und Schuld hat eben nur der Gegner, der Schiedsrichter, das Wetter oder der Trainer, vielleicht der eine oder andere Spieler, aber niemals die Mannschaft per se.
Die Mailänder Tageszeitung berichtet in ihrer Web-Ausgabe über den phänomenalen Erfolg des wenig schmeichelhaften Clips im Web mit Milde und erstaunlicher Sachlichkeit. Der Corriere zitiert die Musiker, dass sie nicht die italienischen Fans beleidigen wollen, sondern nur auf lustige Art die italienische Mannschaft durch den Kakao ziehen wollen (sic!). Der Corriere berichtet auch über die mediale Schützenhilfe durch die Bild-Zeitung (»Nur im Internet ist Italien noch ein Hit«) und resümiert, dass die Spaßtruppe nach eigenen Angaben immer noch nicht die Halbfinalniederlage der WM 2006 verdaut hat. Dass diese nach Meinung der deutschen Fußballfans aufgrund unfairer Mittel zustande kam (die italienische Delegation hatte beim Sportgericht erfolgreich gegen den Einsatz von Torsten Frings geklagt, der im Viertelfinalspiele einen Argentinier im Handgemenge nach dem Spiel angegriffen haben soll) unterschlägt der Berichterstatter allerdings. Womit wir dann auf fast verborgene Art bei einem Gemeinplatz der Italiener gegenüber den Deutschen sind: Die Deutschen sind – am Ende – immer die (schlechten) Verlierer. Und so sieht jeder seine Klischees bestätigt.
→ La canzone anti-Italia che spopola in Rete auf corriere.it
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Geschrieben von sal in Sport, tags: Squadra Azzurra, WM 2010
Der Patriotismus der Squadra Azzurra, der italienischen Fußball-Nationalmannschaft ist wirklich bemerkenswert, schließlich heißt es ja in der Hymne »Dov’è la vittoria?« also Wo ist der Sieg… Tja, wo ist er denn gestern geblieben? Sicher, man könnte jetzt die üblichen Ausreden bemühen: Abseitstor, zahlreiche brutale Fouls der Neuseeländer am Anfang des Spiels nicht adäquat geahndet, Pech usw. – aber in Wirklichkeit präsentiert sich das Team um Coach Marcello Lippi als ideenloses, pomadiges Team, das den fußballerischen Herausforderungen keine eigenen Konzepte entgegenzusetzen kann. Dass auch andere “große” Mannschaften enttäuscht haben – Frankreich, Spanien, Deutschland, England usw. – ist kein Trost. Ich empfinde keine Häme, wenn andere große Mannschaften verlieren oder schlecht spielen, mir tut es sogar wirklich leid, wenn ich sehe, wie schwach sich große Fußballnationen hier präsentieren.
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