sanremo-2010

Sanremo 2010 - Logo, © rai.it

Kurz bevor ich gleich mich in die Schlacht stürzte und mir den dritten Abend des 60. Festival della canzone italiana di Sanremo antue, schnell noch ein Bericht über den gestrigen zweiten Abend, der sich musikalisch besonders üppig gestaltete: Insgesamt 17 Titel im Wettbewerb (12 “Big”, 5 “Giovani”) konnte man gestern in voller Länge hören, dazu Gäste mit Liedchen (drei hässliche Jugendliche, die als Knödeltenöre auftreten), die im italienischen Fernsehen unvermeidlichen Tanzeinlagen (oh, wie ich es hasse, wenn Moderatorinnen die es offenbar nicht sonderlich können, einen Nummer mittanzen und sich danach gehaben, als hätten sie die Weltmeisterschaft der lateinamerikanischen Tänze gewonnen…) dazu Werbung, Witzchen und das übliche Blabla.

Aber in der Summe fiel der zweite Abend dann doch genauso enttäuschend aus, wie der erste (wen wundert’s, es waren ja auch hauptsächlich dieselben Nasen zu hören). Bei den “Big” war dieses Mal die Gesangsleistung deutlich besser: Irgendwie haben alle italienischen Schlager- und Popstars einen Heidenrespekt vor dieser Bühne im Teatro Ariston, so dass ihre Debüt-Auftritte oft grottenschlecht, weil total verkrampft sind. Doch besseres Singen rettete die meisten Songs nicht: Zwar entwickelt man im Laufe des Festivals Antipathien und Sympathien und der eine oder andere Song gefällt einem dann doch besser, als der restliche Müll, aber dieses Jahr gibt es keinen Künstler, der mich wirklich interessieren kann und auch künstlerisch sind die Songs bestenfalls durchschnittlich. Bei den “Giovani” sieht es nicht besser aus: Von den 5 gestern vorgestellten Nummern, konnten nur zwei bei mir brechreizfrei die Spieldauer überstehen: Der Rest war peinliche Italo-Pop-Schleimpampe oder noch schlimmer angelsächsischer 08/15-Pop mit italienischen Texten. Aber mal Butter bei die Fische: Bei den Big kriege ich zumindest bei Noemi (→ Per tutta la vita – ungewöhnliche Stimme, seltsamer Song), bei  Malika Ayane (→ Ricomincio da qui – tolle Stimme, lahmer Song) und bei Fabrizio Moro (→ Non è una canzone – blöder Song, blöde Stimme, aber sympathische und druckvolle Performance) nicht sofort hektischen Ausschlag, bei den Giovani gefielen mir Nina Zilli (→ L’uomo che amava le donne – Stimme OK, bestes Orchester-Arrangement des Festivals!) und Jacopo Ratini (→ Su questa panchina – Coole Type, Song ist wohl der einzige Ohrwurm des Festivals); letzterer wurde aber prompt von der Jury aus dem Wettbewerb heraus gewählt. Überhaupt, das Reglement: Derweil bei den Big die mittlerweile fünf von der Jury heraus gewählten Titel am dritten Abend (Donnerstag) wieder vom TV-Publikum via Televoting in den Wettbewerb gewählt werden können (Toto Cutugno, Pupo, Nino D’Angelo und seit gestern Sonohra und Valerio Scanu – Himmel was für eine grauenhafte Kombination), werden bei den Giovani gleich sechs von zehn Teilnehmern in der ersten Runde heraus gewählt, ohne dass es eine Chance auf einen Wiedereinstieg in den Wettbewerb gäbe. Ziemlich unfair und eine Herabwürdigung des Nachwuchswettbewerbes, der in den letzten Jahren oft spannender und innovativer (und später kommerziell erfolgreicher) war, als der Wettbewerb der arrivierten Künstler.

Ich bin nicht zufrieden, nein, ich bin nicht zufrieden, vor allem weil meine absolut Hass-Teilnehmerin, die, sagen wir mal, bizzarre Arisa (→ Malamorenò – unverständliche und ungerechtfertigte Gewinnerin des letztjährigen Nachwuchswettbewerbs und damit automatisch für die Big qualifiziert) immer noch im Wettbewerb ist, mit einer trashigen Müllnummer, die nach dem Festival keiner mehr hören will (ich h a s s s e lustige Mitsingnummern), möglicherweise ganz weit nach vorne kommt. Denn eines hat sich in den letzten Jahren immer bewahrheitet: Sobald die Italiener vie Televoting mitwählen können, werden die kitschigsten, peinlichsten und ürgseligsten Songs nach vorne katapultier (ganz wie bei den Parlamentswahlen, n’est-ce pas?). Jaja, ich weiß, das ist demokratisch, ein jeder nach seiner Fasson und jedes Volk hört die Musik, die es verdient… Aber das Ergebnis des Festivals ist dann dennoch ärgerlich, wenn man bedenkt, dass die Siegertitel der letzten Jahre alles andere als erfolgreich waren und die Titel der ‘unterlegenen’ Teilnehmer im Radio und an der Ladentheke deutlich besser wegkamen. Der Ruhm eines Sieges bleibt bei den Nullen hängen. Bäh.

Und gleich kämpfen die abgehalftertsten Sänger des Festivals (Toto, Pupo, Nino – die Namen machen schon einiges klar, oder?) gegen die Mädchenschwarme (Sonohra, Valerio) im Telnehmerfeld um den Wiedereinzug. Und ich war froh, sie losgeworden zu sein. Mir schwant übles…

Fazit: Alles Mist, wie immer bei Sanremo (und dennoch: Ich halte durch; irgendeiner muss ja Gemeinheiten darüber schreiben).

Die offizielle Seite der RAI zum Festival mit Links zur Mediathek, in der man sich sämtliche Auftritte als Videos angucken kann → www.sanremo.rai.it

2 Antworten zu “Sanremo 2010 – Der zweite Tag”
  1. Akkim sagt:

    Jo, Du hattest recht! Pupo und der Prinz sind wieder drin! Unglaublicher Müll … fast so trashig, dass es schon wieder gut ist. Dagen ist Ninos Beitrag doch ganz nett (der übliche Napolitanofolgschlager halt).

    Ich muss mir das Ganze jeden Abend angucken, wegen meiner Frau. Allerdings habe ich dabei meist Kopfhörer auf … :-)

    Saluti!

    Akkim

  2. Petra sagt:

    Ich finde nicht, dass es Mist wie immer ist. Ich hatte letztes Jahr mehrere Songs, die ich wirklich gerne mochte – dieses Jahr keinen einzigen.

    Besser finde ich, dass nicht mehr stundenlang moderiert und vor allem herumgewitzelt und ge-comedied wird. Kürzer wird es deswegen trotzdem nicht, warum auch immer.

  3.  
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