Sanremo 2010 – Der vierte Tag
Geschrieben von sal in Musica, Radio - TV - Stampa e Internet, tags: Sanremo 2010Es beginnen die Entscheidungen beim 60. Festival della canzone italiana di Sanremo: Gestern wurde aus den vier verbliebenen Konkurrenten der Giovani-Kategorie der Sieger gekürt. Mit “Il linguaggio della resa” (zu Deutsch Die Sprache der Aufgabe) von Tony Maiello gewinnt eine typische Italo-Pop-Nummer von der Stange, radiotauglich und aalglatt, ein bisschen sentimental, ein bisschen kitschig, mit einem niedlich aussehenden Sänger. Die Zielgruppe von Maiello ist klar: Ich bin es nicht
Immerhin: Meine Favoritin der Giovani Nina Zilli mit “L’uomo che amava le donne” (zu Deutsch Der Mann, der die Frauen liebte
) erhielt den Mia-Martini-Kritikerpreis, ein renommierter Preis, einer von vielen, die in der Sanremo-Woche verliehen werden. Was ich ein bisschen ärgerlich finde ist, dass Maiello in der Debütanten-Kategorie startete, obwohl er in der Casting-Show X-Factor bereits Erfahrungen sammelte und sich eine kleine-MädchenFan-Basis aufbauen konnte. Einmal mehr bewahrheitet sich meine Theorie, dass Sanremo ein Spiegel der italienischen Gesellschaft ist: Komplexe, kantigere, unbequeme Songs hatten dieses Mal keine Chance – geliebt wird wer auf das Bewährte setzt, das Bekannte wiederholt und nach außen den Schein wart.
Bei den Big wurden gestern zwei der zwölf Titel endgültig aus dem Wettbewerb gewählt (was für ein elendes Hin und Her: Rein, Raus, Rein, Raus…): Die wenigsten Stimmen im Zwölfer-Feld erhielten Enrico Ruggeri mit “La notte delle fate” (zu Deutsch Die Feen-Nacht), was keine Überraschung war, denn der sympathische Mailänder konnte weder gesanglich, noch musikalisch überzeugen. Nette Type, aber der Song war wirklich nicht sein bester (andererseits, wenn ich da an andere denke): Anyway, Enrico Ruggeri kommt wieder, meine Güte, der Typ lässt sich bestimmt die Post nach Sanremo schicken, so oft, wie er dort aufgetreten ist. Als zweites schied Fabrizio Moro mit “Non è una canzone” (zu Deutsch Es ist kein Lied) aus, was ich bedauere, denn ich ich fand die Nummer zwar nicht überragend, aber immerhin nicht dümmlich getextet und musikalisch schön druckvoll. Aber das ist kein Jahr der angerockten Popmusik bei Sanremo. All meine Hoffnungen, dass zumindest einer meiner absoluten No-Gos Povia, Pupo und die dämliche Arisa mit im Finale erspart bleiben, haben sich leider nicht erfüllt. Im Gegenteil: I prophecy desaster: Povia und Arisa haben im Teatro Ariston (dem Ort des Geschehens in Sanremo) sehr viel wohlwollenden Applaus bekommen, Pupo und seine Italien-Hymne wurden (wie immer) ordentlich ausgebuht – aber ich glaube, dass der kontroverse Song (mehr noch, der kontroverse Ex-Kronprinz) bei der Endabrechnung ganz weit vorn landen könnten, ebenso wie Povia.
Der vierte Abend war (endlich) wettbewerbsbezogen und obwohl 16 Titel (12 Big, 4 Giovani) zu hören waren und einige internationale Gäste auftraten (Jennifer Lopez fistelte Hits und wackelte mit dem Popo dazu, Tokio Hotel sang germanisches Englisch und ließ sich von den kleinen Mädchen bekreischen), war die Sendung um 0 Uhr 30 zu Ende und alle Teilnehmer durften dem Jugendrecht konform auftreten. Die Künstler waren angehalten ihren Song in einer anderen Version zu präsentieren: Einige wählten Duettpartner, andere (etwa die immer besser werden Malika Ayane) holten sich einfach nur besondere Tänzer auf die Bühne, die perfideste Idee hatte Schlagerfuzzi Pupo und der Ex-Prinz Emanuele F. Sie holten sich niemand Geringeres als den sehr populären Trainer der italienischen Fußball-Nationalmannschaft Marcello Lippi auf die Bühne und sie veränderten das Lied textlich, so dass auch der Sieg bei der letzten Fußball-WM mit der ganzen nationalen Stolz-, Religion- und Ehren-Arie verknüpft wird (das Video dieser besonders widerlichen Version gibt es → hier). So macht man das: Mit den Bildern der Siegesfeier Bauern- äh Stimmenfängerei betreiben: Lippi selbst sang nicht eine Silbe, redete dafür vor dem Lied ungebremst (und nicht regelkonform) über den Song und über die Ehre und umarmte die Royal Family am Ende des Songs wohlwollend, wie ein liebender Vater, wirklich zum würgen. “Ein Lied, besonders für all jene Italiener, die im Ausland leben, um sich ihr Brot zu verdienen”. »Dazu gehöre ich ja irgendwie auch«, dachte ich mir und fand den Song noch schlechter. Stolz auf diese Typen sein? Ich habe mich gestern geschämt Italiener zu sein. Wer so billige Manipulationen zulässt, ist wirklich unwürdig.
Die Moderation der Clerici ging gestern in Ordnung, obwohl ich immer den Eindruck habe, dass Sanremo dann doch eine Nummer zu groß für sie ist. Ihre Fähigkeiten als Interviewerin und als Tänzerin (wie alle Moderatoren in Sanremo muss auch sie sich vor der Kamera regelmäßig mit Gesangs- und Tanzeinlagen der Lächerlichkeit preisgeben) sind allerdings sehr begrenzt.
Heute Abend läuft das große Finale und mir graut es schon jetzt. Aber ich bleibe am Ball.
Die offizielle Seite der RAI zum Festival mit Links zur Mediathek, in der man sich sämtliche Auftritte als Videos angucken kann → www.sanremo.rai.it


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