Mit etwas mehr Abstand als bisher üblich, möchte ich noch schnell einige Anmerkungen zum Finaltag des 60. Festival della canzone italiana di Sanremo loswerden, wobei ich ja die Gewinner schon genannt habe:

  1. Valerio Scanu – Per tutte le volte che…
  2. Pupo, Emanuele Filiberto e Luca Canonici – Italia amore mio
  3. Marco Mengoni – Credimi ancora

Ich denke, ich habe schon genügend zu den Songs gesagt (sei es in den Blogbeiträgen, sei es in den Kommentaren), so dass ich den unfassbaren zweiten Platz von Pupo und seinen Pupi nicht ausführlich kommentieren muss. Dass die anderen beiden Top-Platzierungen von Castingshow-Teilnehmern belegt werden, war vorherzusehen, dass von diesen beiden die “harmlosere” Nummer gewinnt, ist eine Tendenz, die sich in Sanremo seit einigen Jahren beobachten lässt.

Auf den Seiten der Tageszeitung Repubblica (Link, s. unten) konnte man den schlechtesten Song des Festivals wählen. Hier sah das Ergebnis ganz anders aus und bestätigt auch die heftigen Publikums- und Musiker-Reaktionen am Final-Abend. Demnach sieht die Top 3 der schlechtesten Songs so aus:

  1. Pupo, Emanuele Filiberto e Luca Canonici – Italia amore mio – 78% (!!!)
  2. Valerio Scanu – Per tutte le volte che… 6%
  3. Toto Cutugno – Aeroplani – 4%

und umgekehrt sind die am wenigsten schlechten Songs demnach:

  1. Irene Grandi – La cometa di Halley – 0%, nur 146 Stimmen
  2. Malika Ayane – Ricomincio da qui – 0%, 236 Stimmen
  3. Noemi – Per tutta la vita – 0%, 236 Stimmen


Sicher ist so eine Umfrage nicht repräsentativ, aber sie lässt doch zumindest einige vorsichtige Rückschlüsse zu: Ich habe den Eindruck, dass das aktive Televoting bei Sanremo zwei Motivationen hatte und deswegen zu diesem Ergebnis geführt hat: 1. Nationalstolz und diffuse patriotische Gefühle 2. Der Liebling aus der letzten oder vorletzten Castingshow. Beides sind wahrlich keine relevanten Gründe, um einen Song als den besten des Festivals zu küren – aber wenn man sich die Sieger von Sanremo anguckt, dann stellt man fest, dass der Sieg längst nicht allen Künstler eine große nationale oder internationale Karriere beschert hat. Wer hört heute noch etwas von Gió di Tonno (Sieger 2008), Jalisse (1997), Annalisa Minetti (1998), Aleandro Baldi (1994)? Eben! Valerio Scanus Stern kann nur noch sinken und wird dann in ein paar Jahren komplett aus den Mädchenherzen verschwunden sein. Es würde mich sehr wundern, wenn mein Landsmann (er ist ja Sarde, wie ich selbst) genügend künstlerisches Potential besitzt, um sich langfristig durchzusetzen. Aber sei ihm der Sieg gegönnt, Hauptsache nicht Pupo und der Prinz und ihre Nationalschnulze. (Hat eigentlich schon mal jemand erwähnt, dass Emanuele Filiberti überhaupt nicht singen kann und es folglich auch kaum getan hat?).

Der Abend wurde einigermaßen flott durchmoderiert: Offenbar hat die massive Kritik nach dem vertrödelten dritten Tag dann doch gesessen. Die Clerici war … wie immer (»Che meraviiiiiiiiiiiglia!!! Che emoziooooooooooone!!!«). Die meisten Künstlern haben ihren besten Auftritt im Festival hingelegt, vielleicht mit Ausnahme von Marco Mengoni, der mir deutlich übers Ziel hinauszuschießen schien und Pupo & Co., die immer gleich mies waren; besonders beeindruckend fand ich am Finalabend Malika Ayane, die dann ja auch verdientermaßen den Kritikerpreis gewann.

Überhaupt die Preise und die Reaktionen: Ich gucke Sanremo ja nun wirklich seit vielen Jahren, aber solch einen Aufruhr bei den Musikern bei Bekanntgabe der nicht zum Superfinale qualifizierten Künstler habe ich noch nie erlebt. Da war wirklich echte Wut und Enttäuschung, ja Entrüstung dabei. Irene Grandi, Noemi, vor allem aber Malika Ayane müssen in der Gunst der Musiker ganz weit vorne gewesen sein. Leider wurde die spontane Idee aus dem Orchestergraben die Liste mit ihrer Abstimmung zu veröffentlichen sofort gedeckelt. Offenbar ein Reglement-Verstoß (und außerdem vermutlich noch mehr Anlass für Polemik gegen das Televoting). Et kütt wie et kütt, wie wir hier im Rheinland sagen, der Gewinner steht fest, den anderen Künstlern wird es zumindest kommerziell nicht schaden, dass sie verloren haben und ich bin mir ziemlich sicher, dass man im italienischen Radio eher Irene Grandi, Irene Fornaciari und Malika Ayane spielen wird, als die Top 3 der Songs.

Trotz des immensen Erfolges bei den Einschaltquoten hat diese Ausgabe dem künstlerischen Renommee (das ohnehin immer wackelig war) eindeutig geschadet. Aber nächstes Jahr wird es wieder ein Sanremo geben und es wird alles besser, alles anders und alles neu sein. Und wir treffen uns dann hier und werden wieder wie die Rohrspatzen schimpfen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass man in einem Jahr generelle Tendenzen beim italienischen Fernsehen und in der Unterhaltungsindustrie umkehrt. Schade, denn Italiens Musikszene hat deutlich mehr zu bieten, als wir in der Sanremo-Woche zu sehen und zu hören bekommen haben.

Die offizielle Seite der RAI zum Festival  → www.sanremo.rai.it

Die Mediathek mit Videos von allen Auftritten → Sanremo 2010 auf video.rai.tv

Das Festival di Sanremo bei der italienischen Wikipedia → Festival della Canzone Italiana di Sanremo

Sanremo 2010 bei der italienischen Wikipedia → Festival di Sanremo 2010

Die Abstimmung zum schlechtesten Song auf repubblica.it → Vota il peggiore

7 Antworten zu “Sanremo 2010 – Der letzte Tag”
  1. Alessandro sagt:

    Das Televoting bei Sanremo ist eigentlich nur da um extrem viel Geld reinzubekommen.
    Die Rai findet es bestimmt gut, wenn Fans 5-6 verschiede Handykarten kaufen um ihren Liebling zu voten.

  2. sal sagt:

    Kann sein, auf jeden Fall ist es eine hübsche Einnahmequelle – und die großen Telefongesellschaften haben ja auch alle kräftig während der Sendung geworben. Darf ich bitte bemerken, dass die Wind-Werbung mit den drei Fotografen-Affen zu den schlimmsten Spots gehört, die ich jemals gesehen habe?

  3. Alessandro sagt:

    L’espresso hat im September zu den telefonischen Abstimmungen einen ausführlichen Artikel geschrieben.

    http://espresso.repubblica.it/dettaglio/che-business-quel-televoto/2110578//0

  4. Gianni sagt:

    Bin gerade in Italien und durch die Nachrichten geht gerade die Meldung, dass Pupo & Co. einige Callcenter angagiert haben, die beim Televoting angerufen haben :) Tsja, so kann es auch funktionieren

  5. sal sagt:

    Cari connazionali, wisst ihr, was mir an unserem Land am meisten auf die Nerven geht? Dass Italien wirklich alle Klischees so selbstverständlich bestätigt, die man haben kann. Sogar so etwas wird also berufsmäßig korrumpiert. Mich kotzt das an, zumal ich auch immer den Eindruck habe, dass die Italiener sich im gleichen Maße darüber echauffieren, wie sie insgeheim glauben, das gehöre zum “Italiener sein” dazu. Und ich glaube das nicht und kenne viele ehrliche und wundervolle Menschen dort, die darunter leiden, dass sie dieses Spiel nicht mitspielen wollen.

  6. Was mich überrascht hat, ist das dass Du gar nichts zu Simone Cristicchi geschrieben hast. Angeblich ist ja Carla Bruni deswegen nicht zum San Remo Festival gefahren.

  7. sal sagt:

    Ach … der Cristicchi … das mag damit zu tun haben, dass ich ihn musikalisch einfach immer nur langweilig und irrelevant finde, am ersten Abend fand ich ihn sogar ausgesprochen furchtbar. Sympathisch, va bene, aber musikalisch wirklich nicht meine Tasse Tee. Dass die Bruni-Pute nicht gekommen ist, tja … sie war ja schon mal in Sanremo iirc. Sie hat ja kein neues Album, das sie promoten will/muss – vielleicht hat das ihre trotzige Entscheidung erleichtert.

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