Sanremo 2010 – Der erste Tag
Geschrieben von sal in Musica, Radio - TV - Stampa e Internet, tags: Sanremo 2010Die 60. Ausgabe des Festivals der italienischen Musik in Sanremo, kurz “Sanremo 2010″ ist eigentlich kein schlechter Anlass, um das seit zwei Monaten brach liegende Italienblog wieder mit Leben zu füllen. Ich schreibe eigentlich, denn anders als in den vergangenen Jahren, wo ich in meinem “Hauptblog” auf uergsel.de ausführlich über das einwöchige Musik- und Medienspektakel berichtet habe, fehlt mir in diesem Jahr die rechte Motivation die minutiöse Berichterstattung der letzten Jahre zu wiederholen. Und der gestrige Eröffnungsabend hat, trotz aller Bemühungen das Festival wieder neu zu beleben (und zu erfinden), nicht dazu beigetragen, meine Chronistenlust anzustacheln.
Der Grund ist einfach: Die gehörte Musik war über alle Maßen enttäuschend. Sowohl die “Big” (also die arrivierten Künstler), als auch die “Giovani” (die Sänger in der Nachwuchskategorie) präsentierten profillosen Einheitsbrei und/oder wiederholten alte Missetaten von Sanremo. Die Moderatorin Antonella Clerici, so eine Art Vorzeigemamma des italienischen Fernsehens, wirkte verkrampft und konnte ihre offensichtliche Sachunkenntnis nicht verbergen, wollte sie auch nicht verbergen. Die künstlerische Leitung ist eh in Händen anderer und sie ist nur blondgelockte Staffage. Wenn man heuer ein Sanremo präsentieren wollte, dass nicht nach Pippo Baudo, dem Godfather der Sanremo-Moderatoren, schmeckt, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass die Clerici keine besonders glückliche Wahl war. Dabei waren durchaus Fortschritte zu erkennen; Insgesamt wurde weniger geschwafelt, mehr Musik gespielt, weniger gewitzelt als zuvor, dennoch: Musikalisch fehlten die Highlights und alle Künstler präsentierten biedere, uninspirierte Songs. Weder die “modernen”, jüngeren Acts konnte mich mit ihren angepassten Liedchen überzeugen, noch die “alten Haudegen”, die ohnehin Relikte sind, die man sich wirklich alljährlich sparen kann: Immerhin wurden die scheintoten Schnulzen von Toto Cutugno, Nino D’Angelo und Pupo (zusammen mit dem Prinzen Emuaele Filiberto “Italia, amore mio” trällernd, was für eine Farce!) von der Jury zunächst einmal aus dem Wettbewerb gekickt, aber die übrig gebliebenen waren eben auch nicht besser. Sowohl die Auswahl der teilnehmenden Künstler, als auch deren Songs bewegte sich noch einmal unter dem ohnehin schon dürftigen Niveau der letzten zwei, drei Jahre. Selbst normalerweise relativ gute Songwriter wie Enrico Ruggeri konnten musikalisch (und stimmlich) nicht überzeugen. Maika Ayane, eine der Entdeckungen des letztjährigen Nachwuchswettbewerbs, sang verkrampft-verhalten eine nichtssagende Nummer von der üblichen Italo-Pop-Konfektionsware, Irene Fornaciari, Tochter von Zucchero, konnte mich genauso wenig überzeugen, wie Irene Grandi, die ich eigentlich als einen Pluspunkt im diesjährigen Line-Up gesehen hatte. Andere freilich bestätigten alle Vorurteile, die man ohnehin schon über sie hat: Der ach-so-coole Songwriter Povia mit seinen reaktionär-spießigen Ansichten imitierte seinen letztjährigen Auftritt und nervte wieder einmal durch bedeutungsschwangere Gesellschaftskritik. Ehrlich gesagt: Ohne Anleitung war sein Song dann auch nicht zu verstehen. Weiß der Geier worüber er ungefragt seinen Senf abgeben musste – aber es war bestimmt sehr wichtig, so ernst wie er guckte.
Der Rest war lahm, schwach, langweilig, bedeutungslos. Und ich habe nicht eine Zeile eines Songs von gestern im Kopf und ich fürchte, das wird sich auch nicht an den kommenden Tagen ändern. (Modisch nähern wir uns übrigens wieder gefährlich den Achtzigern, ich habe gestern Frisuren und Kleidung gesehen, die mich an furchtbare Zeiten erinnert). Wo sind die Typen wie Sergio Cammariere, wie Avion Travel, wie unzählige andere Überraschungen und Entdeckungen der letzten Jahre? Vermutlich sind sie alle von den Casting-Shows, die in Italien ja auch grassieren (und die zum Teil auch ihre Leute in Sanremo unterbringen konnten) verdrängt worden.
Sanremo 2010 hat sich gestern als Spiegel der italienischen Gesellschaft präsentiert: Die Massen sind profil- und konturlos und ihre Auseinandersetzung mit ernsthaften Themen bleibt plakativ und oberflächlich und reduziert sich auf das Verkaufen von Binsenweisheiten als ultimative Wahrheiten. Der Rest schweigt oder wird zum schweigen gebracht, hat sich aber resigniert von einer Gesellschaft abgewendet, in der noch nicht einmal eine Nische für das Andere, das Neue, das Nonkonformistische bleibt.
Wie in den letzten Jahren gibt es auf Youtube keine offiziellen Videos, die ich hier im Blog einbinden dürfte. Auf der offiziellen Seite der RAI zum Festival → www.sanremo.rai.it findet man allerdings alle Videos zu den jeweiligen Auftritten und weitere Ausschnitte aus der gestrigen und vermutlich dann auch aus den kommenden Sendungen.


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Sanremo war und ist immer noch DER Event in Italien. Und es ist und war immer ein Event der grundsätzlich von Kritik überschüttet wurde aus welche gründe auch immer. Hast du der erste gesehen, hast du alle gesehen. Es ist nicht besonderes. Schaust du es nicht, hast du auch nicht verpasst. Nur eine Geldmaschine und mehr nicht. Zumal die mitwirkenden (außer wenige) nur in Italien bekannt bleiben. Frage ich mich ob notwendig ist Unsummen auszugeben für so was. Dazu möchte ich auch der Name nennen eine andere plage die unsere fernsehen Welt verunstaltet: die Wahl zu miss Italia.. Glaube ich dass nicht mehr zu sagen gibt…
ciao a tutti
Mhhh… also was die Sinnlosigkeit der Miss-Italia-Wahl anbelangt, muss ich Dir uneingeschränkt rechtgeben. Die schon wirklich peinliche Fleischbeschauung ist wirklich peinlich und ein anachronistischer Sexismus, den es nur in einer Gesellschaft geben kann, die so aufs Äußere bedacht ist, wie die italienische: Junge Frauen müssen eben bei uns immer noch in erster Linie schön sein und wir Kerle müssen sie leicht sabbernd anglotzen und schlüpfrige Witzchen machen. Sonst sind wir wohl nicht Macho genug. Poveri noi. Was Sanremo anbelangt, so sehe ich das durchaus differenzierter. Natürlich haben es nur wenige aus Sanremo den großen internationalen Durchbruch geschafft, aber für die nationale Szene gingen wichtige Impulse vom Festival aus und regional begrenzt waren italienische Künstler dann auch in anderen Ländern erfolgreich. Nicht nur Domenico Modugno, aber auch Gigliola Cinquetti, Mina, Patty Pravo, Lucio Battisti in den 1960ern, Adriano Celentano, Lucio Dalla in den 1970ern, Zucchero, Eros Ramazzotti, Umberto Tozzi, Alice, Matia Bazar usw. in den 1980ern, aber auch Avion Travel, Sergio Cammariere, Elisa, Giorgia, Francesco Renga, Daniele Silvestri usw. in den letzten Jahren: Sicher, das Festival ist primär eine TV-Veranstaltung geworden – und das bedeutet in Italien nichts Gutes – aber trotzdem glaube ich, dass man das Festival auch heute noch würdevoll über die Bühne bringen könnte. Man müsste nur mal den Mut haben, alte Zöpfe abzuschneiden (ich würde Toto Cutugno, Pupo, Fausto Leali und Al Bano nicht mehr einladen und keine Nominierung dieser Art akzeptieren), man müsste echte Sachverständige an die Hebel lassen und versuchen wieder die gesamte Bandbreite der italienischen Musik abzudecken. Dann brauchen wir keine Veline, keine Anhäufung von Stars (und v.a. keine peinlichen Interviews mit ihnen) und würden uns vermutlich alle deutlich besser unterhalten.
Das deutsche Fernsehen macht es uns gerade vor: Jahrelang blamierte man sich beim nationalen Vorentscheid und erst recht beim internationalen Eurovision Song Contest mit grausigen Nummern abgehalfteter B-Promis, jetzt hat Stefan Raab und sein Team ein durchaus abwechslungsreiches und sehenswertes Konzept daraus gemacht, an deren Ende ein würdiger, unverbrauchter, frischer Vertreter der deutschen Musik stehen wird. Das ist zwar kein Garant für einen Sieg, aber er gibt der deutschen Musik ein Stückchen Würde wieder (die sie durch peinliche ESC-Auftritte, DSDS & Co. verloren hat.