sanremo-2010

Sanremo 2010 - Logo, © rai.it

Der dritte Tag des 60. Festival della canzone italiana di Sanremo hätte eigentlich ein wenn nicht angenehmer, dann doch zumindest kurzer Abend werden können: Doch es kam alles anders und alles viel, viel schlimmer:

Dabei begann der Abend ganz harmlos mit dem Wettbewerb der fünf an die vorigen Tagen heraus gewählten Titeln. Die Künstler waren angehalten, dass sie das Arrangement des Songs verändern und so hörte man die Song-Nieten in leicht veränderter Fassung, meistens hatten man sich einige “Gäste” dazugeholt, die dann mitträllern durften. Es war grauenvoll, wirklich grauenvoll, wie die abgehalterten Säcke (Toto, Pupo, Nino) und die untalentierten Mädchenschwärmen (Valerio, Sonohra) sich auf der Bühne mit den Tönen abmühten. Den absoluten Tiefpunkt markierte der ewige Schlagerpimpf Pupo (zu Deutsch: Kind, im übertragenen Sinn von der Kleine (das stimmt°) oder der Niedliche (das stimmt nicht!!)), der mit dem letzten italienischen Kronprinzen Emanuele Filiberto das unerträgliches Liedchen “Italia, amore mio” trällerte, in dem es nur vor Stolz, Nation, Religion, Gerechtigkeit und dem ganzen Sermon wimmelt.

Io credo sempre nel futuro, nella giustizia e nel lavoro,
nel sentimento che ci unisce, intorno alla nostra famiglia.
Io credo nelle tradizioni, di un popolo che non si arrende,
e soffro le preoccupazioni, di chi possiede poco o niente.

Io credo nella mia cultura e nella mia religione,
per questo io non ho paura, di esprimere la mia opinione.
Io sento battere più forte, il cuore di un’Italia sola,
che oggi più serenamente, si specchia in tutta la sua storia.

Sì stasera sono qui, per dire al mondo e a Dio, Italia amore mio.
Io, io non mi stancherò, di dire al mondo e a Dio, Italia amore mio….

Übersetzung:

Ich glaube immer an die Zukunft, an die Gerechtigkeit und an die Arbeit
an das Gefühl, das uns um unsere Familie vereint.
Ich glaube an die Traditionen, an ein Volk das niemals aufgibt
und ich leide dieselben Sorgen jener, die wenig oder gar nichts haben.

Ich glaube an meine Kultur und an meine Religion,
deswegen habe ich auch keine Angst, meine Meinung auszudrücken.
Ich fühle es stärker schlagen, das Herz des einen Italiens,
das sich heute heiterer in all seiner Geschichte widerspiegelt.

Ja, heute Abend bin ich hier, um der Welt und Gott zu sagen, Italien, meine Liebe.
Ich, ich werde niemals müde werden, der Welt und Gott zu sagen, Italien, meine Liebe…

Das Ganze im Refrain skandiert von einem Knödeltenor (Luca Canonici, SIC!!!) und gestern noch unterstützt, durch vier Parzen, die Alt-Sopran-Mezzo-Jodeln dazu trällerten. Wirklich, man kam sich vor, wie auf einer Parteiveranstaltung, der italienischen Royalisten, beonders wenn Pupolein dann noch betont

Tu non potevi ritornare pur non avendo fatto niente…

Übersetzung:

Du konntest nicht zurückkehren, obwohl Du nichts getan hast

Herrje, der arme leidgeprüfte Thronfolger, der nicht ins Land durfte, jetzt aber wieder darf und die Republik auf 260 Mio. verklagt hat… wirklich ein patriotischer Vollschrott, der an Lobotomie grenzt. Die kriminellen Machenschachten seiner Lordschaft, die Verstrickungen in Mafia, Korruption und halbseidene Geschäfte – alles vergeben und vergessen, weil er Italien und seine Religion liebt. Und natürlich wurde der Müll vom Televoting wieder in den Wettbewerb gehievt (und der kleine, niedliche Sarde Valerio Scanu darf dann auch wieder seine Schnulze trällern, in der er Liebe machen will, auf allen Arten, an allen Orten, in allen Seen (!!) usw.).  Doch wer der fünf Grusel-Kandidaten weiterkam, sollten wir erst viel, viel, viel später erfahren.

Denn dann kam das echte, das nie endende Grauen! Mehr oder minder populäre Italo-Popstars durften Klassiker aus dem Sanremo-Repertoire trällern: Elisa, Fiorella Mannoia, Carmen Consoli, Edoardo Bennato, Riccardo Cocciante, Francesco Renga , Massimo Ranieri und Miguel Bosé – ein relativ hochklassiges, nein sagen wir, ein relativ populäres Feld – mühte sich durch die Sanremo-Historie, teilweise sehr gelungen (Fiorella Mannoia singt “E se domani“, Carmen Consoli mit dem auch wundervoll arrangierten “Grazie dei fiori“), teilweise verkrampft (Elisa, Francesco Renga), teilweise provokant lustlos (Edoardo Bennato, der keinen Hehl daraus machte, dass er Sanremo wirklich furchtbar findet), teilweise unerträglich peinlich, schleimig, schnulzig (Massimo Ranieri und natürlich vor allem Riccardo Cocciante). Kaum eine der Cover-Nummern wurde wirklich hörenswert interpretiert, viele wurden richtig, richtig schlecht gemacht (ich kann mich nicht entscheiden, ob ich Cocciantes “Nel blu dipinto di blu (Volare)” von Domenico Modugno oder Bennatos “Ciao amore ciao” des wundervollen Luigi Tenco schlimmer fand. Das Ganze dauerte und dauerte bis weit nach Mitternacht und als es dann endlich mit der zweiten Abteilung der Giovani und damit dem Wettbewerb (Wir erinnern uns: Sanremo ist vor allem ein Wettbewerb) weitergehen konnte, da kam es zu Fauxpas. Weil die Produktion/Regie nicht aufgepasst hat oder aus irgendwelchen anderen Gründen sich anders entschieden hat, durfte die erste Teilnehmerin der Giovani Jessica Brando nicht mehr live auftreten. Der Grund war einfach: Als 15-jährige untersteht sie dem Jugendschutzgesetz und darf nicht nach 24 Uhr arbeiten/auftreten. Also musste eine Aufzeichnung aus der Generalprobe stattdessen gesendet werden. Offenbar hat man diesen Regelverstoß (bei Sanremo müssen die Künstler live auftreten) in Kauf genommen, damit das Programm mit den “Stars” nicht gekürzt werden muss. Eine ganz und gar unverständliche Entscheidung, gerade wenn man gesehen hat, wie sehr sich da einige mühten und wie offensichtlich einige dort auftraten, um ihre aktuellen Alben zu promoten. Sehr ärgerlich. Andererseits: Die Kleine wurde ins Finale gewählt (ohne aufgetreten zu sein), derweil die kaum älteren Mitbewerber auftreten mussten. Wenn jemand den Beleg brauchte, dass es in Sanremo eher um die üblich trashige TV-Unterhaltung und nicht um den Wettbewerb gehr, voilà. Unerträgliche Mitsing-Arien, in der sich alle toll finden und sich selbst zu sich selbst beglückwünschen sind ja italienischen TV gang und gäbe, warum sollte das beim Medienspektakel anders sein.

Ein ganz und gar überflüssiger Abend, der schlechteste, nervigste und längste bisher. Trotz anfänglichen Bemühens war die Moderation von der Clerici noch planloser, noch schlechter, noch unsouveräner als zuvor – von ihrem vollbusigen Outfits und ihrem Gestakse auf Stöckelschuhen will ich erst gar nicht anfangen: Wenn es doch nur das Aussehen wäre…

Die offizielle Seite der RAI zum Festival mit Links zur Mediathek, in der man sich sämtliche Auftritte als Videos angucken kann → www.sanremo.rai.it

3 Antworten zu “Sanremo 2010 – Der dritte Tag”
  1. luigi lorusso sagt:

    Hallo,
    ich bin Italiener und wohne in Dresden. Darf ich dir einfach sagen, dass ich dich umarmen würde, weil ich deine Kommentare wortwörtlich wunderbar finde? Du schreibst exakt, was ich denke und fühle, wenn ich so ein Schrott sehe. Wir haben hier nur den ersten Abend sehen wollen, aber nach dem Lied von Povia ging es mir einfach schlecht. Es war, nach dem Trioinfernale, das schlimmste überhaupt. Grazie a te, perché esisti!
    Luigi

  2. sal sagt:

    Caro Luigi, hab Dank für Deine zustimmenden Worte: Povia und Pupo sind für mich auch zwei absolute No-Gos, musikalisch und vom ganzen Habitus finde ich auch Arisa besonders nervig, aber die politische Message, die sowohl Povia, als auch Pupo vermitteln, dreht mir den Magen um. Mein Gott, ich bin weiß Gott nicht unpatriotisch, aber dass aus dem naiven Fähnchen-Schwänkchen und “Forza Azzurri” nun eine Einstellung geworden ist, in der sich viel der aktuellen Arroganz der Italiener widerspiegelt (Stolz auf Religion… würg) und dazu dann auch noch Povia, der katholische, ach was sage ich, der reaktionäre Cantautore … schlimm, schlimm …

  3. Jennifer sagt:

    Ich kann mich am Festial vom 2003 noch erinnern, als Alexia, Alex Britti, Sergio Cammariere, Gianni Fiorellino und Dolcenere alle teilnahmen. Das war ein Festival außergewhnlich gutes Jahr mit wirklich guten Lieder und echten Musiker/Interpreten.

    Auch erwähnenswert war die Moderation von Paolo Bonolis mit Luca Laurenti vom 2009. Wer könnte solch eine Leistung noch toppen?

    Die Edition 2010 ist ein voller Flop – Musik und Moderation.

  4.  
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