Italienische Plattenfirmen wollen nun Geld für ‘öffentliche Aufführungen’ in Bars und Restaurants
Geschrieben von sal in Musica, Panorama, tags: Rechteverwertung, UnterhaltungÖffentliche Musik soll in Italien nun (doppelt) kosten
Nicht nur die deutsche berühmt-berüchtige GEZ und die umstrittene GEMA kommen auf die abenteuerlichsten Ideen, um beim Konsumenten so oft und so viel wie möglich abzukassieren, auch in Italien schlägt die Unterhaltungsindustrie aufgrund der Krise verwunderliche Kapriolen.
Wer in Italien eine Bar, ein Restaurant, einen Friseurladen oder ähnliches betreibt und seine Kunden mit Musik aus dem Radio, dem CD-Player oder – ganz modern – aus dem MP3-Player im Hintergrund beschallt, der hat in den letzten Wochen mit einiger Wahrscheinlichkeit Post vom Verband der italienischen Plattenfirmen SCF Consorzio Fonografici (nicht von der SIAE, der Società Italiani Autori ed Editori, dem italienischen Pendant der GEMA, also der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) erhalten. Je nach Größe des Lokals sollen die Ladenbesitzer für das ‘öffentliche Aufführen von Musik’ nun pauschal geschätzte 70 – 600 Euro zahlen. Die SCF beruft sich dabei auf ein Gesetz von 1941, das nach wie vor in Kraft ist und das jahrelang nicht angewendet wurde. Wer sich weigert zu zahlen, dem wird mit rechtlichen Folgen gedroht und dies nicht ganz ohne realistischen Hintergrund: Der Vorsitzende der SCF Gianluigi Chiodaroli erklärt »Wir beanspruchen lediglich wieder ein Recht, auf das wir bisher verzichtet haben«. In der Tat: Bisher zahlte man in Italien nur “Aufführungsrechte”, wenn man die Musik tatsächlich aufführte (also in einer Diskothek, einer Musikbar, bei einem privaten Radio), nicht aber wenn die Musik als angenehmer Klang-Hintergrund für die Kunden lief. In Deutschland werden solche Ladenbesitzer schon lange von der GEMA (und der GEZ) zur Kasse gebeten, ganz gleich wie laut und wie exklusiv die Musik in ihrem Laden ist.
Aber es kommt noch besser: Die SIAE hat angekündigt, ab 2010 aufgrund desselben Gesetz ebenfalls-Gebühren bei den Ladenbesitzern einfordern zu wollen. Das Chaos scheint vorprogrammiert: In Italien sollen nun die Klein-Unternehmer gleich doppelt für etwas zahlen, was ihnen jahrzehntelang kostenlos gewährt wurde. Schlimmer noch: Anstatt eine gerechte und einheitliche Regelung zu schaffen, die allen Beteiligten Rechtssicherheit bietet und den Autoren (denn um ihre Rechte geht es hier in erster Linie) ein faires Einkommen sichert, schließen nun die einzelnen Wirtschaftsverbände Verträge mit der SCF (und in naher Zukunft mit der SIAE?), bei denen sie Rabatte für ihre Mitglieder aushandeln. So kann es also in Zukunft sein, dass nicht die Größe eines Lokals und die möglichen Besucher, sondern die Geschicklichkeit des Verbandspräsidenten über die Höhe der Abgaben entscheidet.
→ Radio accesa nei bar e negozi i discografici presentano il conto auf repubblica.it


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Und ich dachte, sowas gibt es nur in Deutschland… Jetzt müssen sich auch die Italiener mit solchen Bürokraten rumschlagen. Europa wöchst zusammen
In Wirklichkeit sind die Regeln in Europa überall sehr ähnlich, nur die Anwendung war bis dato eben verschieden. Und man sollte bitte keine romantische Vorstellung von der italienischen Bürokratie haben: Die ist viel undurchsichtiger als alles, was in Deutschland an Auswüchsen existiert.
Ich frage mich sowieso, warum die Gastronomen nicht verstärkt auf GEMA-freie Musik umschwenken – es gibt genügend Angebote an hochwertiger Musik jedes Genres, deren Rechte man einmal erwirbt und wo dann niemand mehr doppelt und dreifach abkassieren kommt – es ist ja nicht so, als ob es nur diese Möglichkeit gäbe.
So oder so täte eine einheitliche, faire Regelung Not. Aber mit dem Hinweis auf die arme Unterhaltungsindustrie, die vom bösen Internet kaputt gemacht wurde, lässt sich heute jeder Blödsinn durchsetzen. Ich bin dafür, dass fair gezahlt und abgerechnet wird, dass echte Leistungen gezahlt werden, aber auch dass Doppelt- und Dreifachzahlungen unmöglich gemacht werden. Ein fairer Umgang mit den Autorenrechten beinhaltet für mich auch ein fairer Umgang mit dem Konsumenten, also dem Hörer, dem Gastronom, dem “Aufführer”.