Der Täter, der in einem Problemviertel Sanità in Neapel einen kleinen Geschäftsmann kaltblütig und quasi im Vorbeigehen getötet hat, ist dank des Videos, das zufällig von der Tat entstand, identifiziert worden. Das Video der menschenverachtenden Hinrichtung des kleinen Ladenbesitzers Mariano Bacioterracino hatte in Italien für Entsetzen gesorgt, weil es die alltägliche Gewalt in der süditalienischen Metropole eindrucksvoll ins italienische Bewusstsein projizieren konnte, wie für Italien fast zwingend notwendig, in (Fernseh-) Bildern. Nun scheint es, als ob der Täter anhand der Bilder identifiziert worden ist, die Polizei ließ jedoch mitteilen, dass er bisher noch nicht gefasst werden konnte.
Der Fall hatte die x-te Debatte über die zunehmende Gewalt in Neapel ausgelöst, doch außer den üblichen Lippenbekenntnissen von Politikern, die ein hartes Durchgreifen versprechen, ist nichts Konkretes herausbekommen. Die tiefe Verwurzelung der organisierten Kriminalität in weiten Teilen Süditaliens, in der Wirtschaft und in der Mentalität der Menschen dort, bleibt ein ungelöstes Problem, an dem bisher alle Regierungen gescheitert sind und an dem, außer zu solch spektakulären Anlässen, kaum ernsthaft gearbeitet wird. Polizei und Justiz werden mit einem übermächtigen Gegner konfrontiert, der sich tief in das Bewusstsein der Menschen Süditaliens festgesetzt hat, gerade in Neapel.
Das Dilemma der größten italienischen Oppositionspartei Partito Democratico (PD) (oder dem, was vormals als politische Linke firmierte, bevor man durch zahlreiche Zusammenschlüsse zum Sammelbecken der Mitte wurde) geht in die nächste Runde. Nach wie vor beschäftigt man sich lieber mit Querelen innerhalb der Partei, als mit dem politischen Gegner. Am Wochenende wurde nach einem langen Ausscheidungsverfahren und einer Wahl durch die Mitglieder Pier Luigi Bersani zum neuen Generalsekretär der Partei bestimmt (der Generalsekretär entspricht der Rolle des Parteivorsitzenden im deutschen Parteiensystem), schon beginnen die einzelnen Lager der Partei und ihre Exponenten die offene oder verborgene (die Rede ist von einer Guerrilla) innerparteiliche Opposition aufzubauen.
Der sizilianische Cantautore Franco Battiato gehört gewiss nicht zu jenen Cantautori, die sich üblicherweise in die Tagespolitik einmischen. Dennoch ist Battiatos kritische Sicht auf die Entwicklungen in den modernen Gesellschaften hinlänglich bekannt. Umso erstaunlicher ist es, wenn der “Philosoph” unter den italienischen Sängern und Textern in einem neuen Song geradezu ätzende Kritik unverhohlen an die (derzeitigen) Machthaber in Italien richtet. Der Song “Inneres Auge” (ja, der Titel hat tatsächlich einen deutschen Namen, ist aber größtenteils auf Italienisch) nimmt direkt Bezug auf den moralischen Niedergang der Mächtigen, also Berlusconi und seine Politikerkaste, die ohne Skrupel ihre Macht für private Zwecke missbrauchen. “Inneres Auge” ist das vorab auf XL Repubblica veröffentliche Titelstück und die Vorab-Single des am 13. November erscheinenden Albums “Inneres Auge – Il tutto è più della somma delle sue parti” (zu Deutsch “Alles und mehr der Summe der zwei Teile”), auf dem neue und alte Titel im neuen Gewand zusammengefasst werden.
Schon einige Tage alt, aber immer noch aktuell ist der halbstündige Dokufilm Io non rispondo (zu Deutsch ‘Ich antworte nicht’) und nun auch in einer englischen Version (“I’m not answering“) für nicht Italophile vorhanden: Berlusconis Kampf gegen die Presse, insbesondere gegen die römische Tageszeitung La Repubblica, übrigens die auflagenstärkste Tageszeitung Italiens.
Eigentlich habe ich in diesen Tagen sehr wenig Zeit, um die neuesten Ereignisse in Italien zu verbloggen (obwohl ich zumindest Teile davon unbedingt verbloggen muss, weil ich sie für wichtig erachte), aber ein kurzes Zitat von Silvo Berlusconi fiel mir dann heute doch bei meiner täglichen Lektüre der italienischen Websites ins Auge:
»La cosa migliore è essere amati e io faccio di tutto per essere amato, non solo dai media ma da tutti. Io sono troppo buono e giusto e vorrei che me lo riconoscessero.«
oder auf Deutsch:
»Das Beste ist es geliebt zu werden und ich mache alles, um geliebt zu werden, nicht nur von der Presse, sondern von allen. Ich bin zu gut und gerecht und ich würden mir wünschen, dass man dies anerkennen würde.«
Heute ist ein guter Tag: Der Friedensnobelpreis geht an Barack Obama und ist Ausdruck der Hoffnungen der gesamten Welt in eine friedvollere und tolerante Welt.
Der Friedensnobelpreis ging natürlich nicht an Silvio Berlusconi, der tatsächlich auch nominiert war. Nominiert von wem? Von seinen TV-gesteuerten Claqueren? Von seinen korrupten Freunden? Vermutlich von sich selbst, mh? Und wofür bittesehr? Für seinen volkerrechtswidrigen Umgang mit Flüchlingen? Für seine Zusammenarbeit mit einer offen fremdenfeindlichen, schwulenfeindlichen und süditalienerfeindlichen (!) Partei? Für unzählige Rechtsbeugungen? Für die aktive Unterdrückung der Presse? Für die Nicht-Existenz der italienischen Außenpolitik?
«Viva l’Italia, viva Berlusconi!» So pathetisch (und selbstverliebt) beschließt der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi seine Wutrede gestern Abend vor der Presse nach der Entscheidung des höchsten italienischen Verfassungsgerichtes, sein Immunitätsgesetz als verfassungswidrig einzustufen. Mit unverhohlenem Hass drischt er auf die Justiz ein, die ‘linke Presse’ («Wir haben 72% der Presse, die links ist») und auf den Staatspräsidenten (einem Ex-KPI-Mitglied), von dem man ja wüsste, auf welcher Seite er steht. Berlusconi kündigte nachdrücklich an, dass er auf jeden Fall weitermachen wird und dass die anstehenden Prozesse allesamt eine Farce seien, gesteuert von einer linken, gut organisierten Justiz.