Umberto Bossi

Umberto Bossi, Vorsitzender der Lega Nord

Man kann Umberto Bossi wahrlich einiges vorwerfen, langweilig ist er in all den Jahren seiner politischen Karriere nie geworden. Der streitbare Vorsitzende der rechtspopulistischen Regionalpartei Lega Nord griff  zum x-ten Mal das Thema Nationalhymne (die spätestens nach den Dauersiegen Ferraris auch in Deutschland bekannte Hyme “Fratelli d’Italia) auf. Die sogenannte “Inno di Mameli” (zu Dt. Mameli-Hymne, benannt nach deren Autor Goffredo Mameli), ist mit ihrem Appell an die Brüderlichkeit aller Italiener, der Aussage, dass Italien als Sklavin Roms gottgewollt sei («schiava di Roma Iddio la creò»), und ihrem Schwur für Italiens Einheit  notfalls zu sterben («Siam pronti alla morte») für ihn und seine Anhänger ein steter Quell des Ärgers. Die Lega Nord steht ja per definitionem mit ihrem unterschwellig separatistischem Programm nicht für die Brüderlichkeit unter den italienischen Völkern. Seine Wut über die italienische Nationalhymne mit ihrem aus der Unabhängigkeitsbewegung stammenden Text ist nicht neu, dennoch schafft Bossi immer wieder seine Befürworter und Gegner damit aufzuwiegeln.

Dabei war eigentlich eine ganz andere Forderung der Lega Nord der Auslöser der neuerlichen Diskussion. Anfang des Monats hatte Bossis Partei lautstark die Einbindung des jeweiligen Dialekts in den Schulunterricht gefordert, um den Kindern ihre regionale Herkunft noch deutlicher zu machen. Im Vielsprachenstaat Italien gibt es neben mehr oder minder akzeptierten Minderheitensprachen (Deutsch, Ladinisch, Slowenisch, Okzitanisch, Sardisch usw.) viele stark ausgeprägte Dialekte, deren Existenz Bossis Regionalisten (selbstredend vor allem im Norden) von der allgegenwärtigen Zentralmacht Roms gefährdet sehen. De facto ist Italien auch heute noch deutlich stärker dialektal geprägt als etwa Deutschland oder gar andere europäische Länder und die Hochsprache (entstanden aus dem historischen Literatur-Florentinisch der großen Schriftsteller des 14. Jahrhunderts Dante, Petrarca und Boccaccio) wird, überspitzt formuliert, von den meisten Italienern nur als Fremdsprache gesprochen. Erst durch die Massenmedien, insbesondere das Fernsehen, konnte sich eine Art italienische Umgangssprache überhaupt flächendeckend etablieren. Dennoch wurde die Forderung der Lega bereitwillig von der Regierungsmehrheit akzeptiert, gleichzeitig aber mit der Forderung eines genauerem Studiums der Nationalhymne verknüpft. Kaum stand die Forderung im Raum, schon schäumte Bossis Wut über die Hymne, die im Norden keiner mehr singen würde «Die Mameli-Hymne kennt doch keiner (gemeint ist “hier bei uns”, Anm. der Red.). Das ist der Beweis, dass die Leute die Nase voll davon haben.» Kaum forderte er diese mit der von der Lega Nord genutzten Hymne “Va pensiero” (der Gefangenenchor aus Verdis Oper “Nabucco”) zu ersetzen, regierten Politiker der Regierungspartei Popolo della Libertà mit harscher Kritik. Vor allem aus den Reihen der ehemaligen nationalkonservativen Alleanza Nazionale hagelte es an Rügen für Bossis regierungsschädliches und staatsfeindlich zu interpretierendes Verhalten.

Mittlerweile hat Bossi seine Aussagen zur Nationalhymne relativiert und behauptet, die Journalisten hätten alles inszeniert, um mehr Zeitungen zu verkaufen (eine Taktik, die ja sein Regierungschef Silvio Berlusconi auch gerne anwendet). Fakt ist, dass Bossi nicht zum ersten Mal – und gewiss nicht zum letzten Mal – ein Symbol der national Einheit Italiens angefeindet hat. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob er, wie derzeit, ein Regierungsmitglied ist (als Reformminister), oder nur lautstarker Oppositionspolitiker. Mehr noch als Bossis Versuche medienwirksam gegen Rom und Süditalien zu polemisieren, offenbart dieser neuerliche Streit um ein Symbol des Staates allerdings die tiefe politische Zäsur, die im Regierungslager für Dauerzündstoff sorgt: Auf der einen Seite die mit der Abspaltung immer wieder kokettierende Lega Nord, auf der anderen Seite die stark zentralistisch und nationalistisch geprägten Kräfte in der Regierungspartei Popolo della Libertà um Gianfranco Fini und seine ehemaligen Gefolgsleute der ehemaligen Alleanza Nazionale. Lega und PdL vereint nur eine generelle politische Ausrichtung rechts von der Mitte, wobei die Nationalisten der ehemaligen Alleanza Nazionale fast immer deutlich gemäßigter und “linker” daherkommen, als die Leghisti, die das ultrarechte Spektrum der Regierungskoalition komplett ausfüllen.

Eine Antwort zu “Regierungskrise oder Sommertheater? Umberto Bossi und die Nationalhymne”
  1. joke sagt:

    ÜRGSEL! Habe mich gerade durch die wikipedia-Einträge zu Bossi und der Lega Nord geklickt und habe an Satire gelaubt: Die judäische Volksfront ist real, in Europa!

  2.  
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